„Wenn Dir was gefällt, warum kämpfst Du nicht dafür?“
Im Juli
Ja, “Im Juli” ist nicht nur ein RoadMovie, sondern auch ein FeelGoodMovie!
Heute Abend gab es nur die halbe Dröhnung. Und zwar mit “Creolenreis” zum Film, aber leider ohne die Herzallerliebste im Arm.
Das Schöne an diesem Film ist, daß man in ihn sehr schnell reinkommt. Nicht »wie gebannt« oder »total hingerissen«, sondern einfach so. So wie man im Halbschlaf am Rheinstrand in eine Phantasie reinkommt, die sich zusammensetzt aus der Geschichte in dem Buch, das man gerade auf das Handtuch hat sinken lassen, dem Gespräch unterm Sonnenschirm von nebenan, oder dem was man in Tübingen zurücklassen musste…
Man ist also so “drin” und gefangen in und von diesem Film, daß dabei die abstrusesten Drehbuch-Volten (über Leute, die es schaffen, sich gegenseitig im nun doch nicht gar so kleinen Südosteuropa beständig über den Weg zu laufen) so wenig stören wie die unverschämtesten Regie-Tricks (zum Beispiel einen Teil der Reise in Fotos von einer Kamera zu zeigen, die das Paar geklaut hat, wobei sie aber wohl von einem unsichtbaren Dritten begleitet worden sein müssen, der den Auslöser betätigt), die rüdesten Klischees (über Bayern und Rumänien zum Beispiel), reichlich knallige Nahaufnahmen, ein schräges Verhältnis von Aufwand und Wirkung (eine Kran-Bewegung à la Spielberg, bloß um vom Balkon in irgendeine Hamburger Seitenstraße zu kommen) oder eine Aussage wie diese:
“Meine Herzallerliebste,
ich bin Tausende von Meilen gegangen.
Ich habe Flüsse überquert, Berge versetzt.
Ich habe gelitten, und ich habe Qualen über mich ergehen lassen.
Ich bin der Versuchung widerstanden, und ich bin der Sonne gefolgt,
um dir gegenüberstehen zu können und dir zu sagen:
Ich liebe dich.“
Weil erstens diese Sätze, die Moritz Bleibtreu zu Christiane Paul sagt (die sie ihm vorher selber beigebracht hat) in diesem Augenblick fast vollkommen wahr (nur das mit der Versuchung, naja) und zweitens, was das Filmische anbelangt, so unverschämt gelogen sind, daß sie auch schon wieder wahr sind.
Ach, ihr kennt “Im Juli” nicht und wollt die Geschichte präsentiert haben?

Also gut: Es geht um einen schüchternen Referendar für Physik und Deutsch in Hamburg, so verklemmt und unglücklich zufrieden, wie wir ihn uns nur vorstellen können. Daniel Bannier heißt er, auch das noch. Juli mit Glitzeraugen und Eisschmelzlächeln verkauft Schmuck und erkennt, daß in ihm irgendwas drinsteckt, das raus will. Und das will sie haben. Auf der Spur der (für ihn) falschen Frau macht sich Daniel auf den Weg nach Istanbul, und mit wem gerät er dabei zusammen, auseinander, wieder zusammen und so weiter? Jedenfalls spielen noch eine ex-jugoslawische Lieferwagen-Diebin mit, der beziehungsstiftende Trucker Leo mit einer Che Guevara-Tätowierung am Oberarm, ein Türke (Mehmet Kurtulus (GEIL!)), der seinen ebenso illegalen wie toten Onkel im Kofferraum von Hamburg nach Istanbul schmuggeln will, Grenzposten, die so tun, als wären sie in einem “Tintin”-Comic, ein Lastkahn nebst sehr kräftigen ungarischen Binnenmatrosen, ein, zwei Joints, Bier und Cola, viele Zigaretten, Staub, Wasser, Straßen und bunte Bilder, wie man sie zwischen Hamburg und Istanbul erbeuten kann.
Daß dieser schöne Unfug so genießbar ist, hängt auch damit zusammen, daß Fatih Akin nichts von diesen Elementen ausquetscht. Das meiste präsentiert er hübsch im Nebenhinein, läßt uns beim Zuschauen genügend Luft und haut nur ganz selten unseren Kopf vor die Pointen oder die unverschämte Sentimentalität seines Films. Und so unwahrscheinlich die Zufälle in dieser Geschichte sind, sie haben doch eine genaue Struktur. Jene Traumstruktur, in der man, gegen die ganze Welt und sich selber, wenn’s sein muß, das Glück findet. Ein Sommernachtstraum eben, so getürkt, daß er auch ferientagstauglich ist.
Ob da zu viel Kitsch im Programm ist, kann ich nicht so beurteilen. Mancher Kitsch ist halt richtig schöööön. Und die Grenze zum Kitsch war noch nie ein Kino-Problem. Das Kino-Problem ist die Grenze zwischen gutem und schlechtem Kitsch. Und was das anbelangt, ist man mit “Im Juli” auf der sicheren Seite, was Akin selber offen zugibt indem er sagt: “ich mag guten Kitsch sehr gerne.”
Akins Film ist ein Märchen über die Liebe und die unentdeckten Möglichkeiten, die sie uns eröffnet.
Ich werde den Film nochmal und nochmal und nochmal sehen. Aber das nächste mal nur mit der Herzallerliebsten im Arm…
Und wer den Sountrack sein eigen nennt, kann sich glücklich schätzen, dieser ist nämlich garnicht bis sehr schwierig erhältlich. Der OST (in dem leider nicht alle Film Titel enthalten sind) ist ein Mittel-Europäischer Mix der Länder, Kulturen, des Lebens und des Liebens. Meine Seba: Ich hab ihn! ^^
Cast & Crew
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin
Produzent: Wüste Film Produktion
Darsteller: Moritz Bleibtreu
Christiane Paul
Mehmet Kurtulus
Idil Üner
Branka Katic
Jochen Nickel
Filmlänge: 100 Minuten
Kinostart 24.8.2000