Nichtstuer

“… Manchmal ist es eine Persönlichkeit, die aus diesem oder jenem Grunde ihre Daseinsberechtigung hat, die man nicht gleich im ersten Augenblick erkennt oder die man oft aus Zerstreutheit unwillkürlich vergisst. Jemand, der lange Zeit wie hin- und hergeschüttelt auf stürmischem Meer herumgetrieben worden ist, gelangt schließlich an seinen Bestimmungsort; jemand, der zu nichts zu taugen schien, unfähig, irgendeine Stellung, irgendein Amt auszufüllen, findet schließlich eins und zeigt sich tätig und zum Handeln fähig, ganz anders, als es zunächst den Anschein hatte. Ich schreibe dir ein wenig aufs Geradewohl, was mir in die Feder kommt, ich wäre sehr froh, wenn du irgendwie in mir etwas anderes sehen könntest als eine Art Nichtstuer.

Denn es gibt Nichtstuer und Nichtstuer, von denen der eine das Gegenteil des anderen ist.

Es gibt Nichtstuer aus Faulheit und Charakterschwäche, aus niedriger Veranlagung – du kannst, wenn du meinst, mich für so einen halten.

Dann gibt es den anderen Nichtstuer, den Nichtstuer wider Willen, der innerlich von einem heftigen Wunsch nach Tätigkeit verzehrt wird, der nichts tut, weil es ihm völlig unmöglich ist, etwas zu tun, weil er wie in einem Gefängnis sitzt, weil er nicht hat, was er braucht, um produktiv zu sein, weil es sein Missgeschick so gefügt hat, dass es mit ihm so weit gekommen ist: ein solcher Mensch weiß manchmal selbst nicht, was er tun könnte, aber er fühlt instinktiv: Ich bin doch zu irgendwas gut, ich habe eine Daseinsberechtigung!

Ich weiss, dass ich ein ganz anderer Mensch sein könnte! Wozu nur könnte ich taugen, wozu könnte ich dienen! Es ist etwas in mir, was ist es nur!

Das ist ein ganz anderer Nichtstuer – du kannst, wenn du meinst, mich für so einen halten!

Ein Vogel im Käfig weiß im Frühling sehr wohl, dass es etwas gibt, wozu er taugt, weiß sehr wohl, dass er etwas zu tun hat, aber er kann es nicht tun, was ist es doch? Er kann sich nicht recht erinnern, dann kommen ihm unbestimmte Vorstellungen, er sagt sich “die anderen bauen Nester und zeugen Junge und ziehen die Brut groß”, dann prallt er mit dem Kopf an die Stäbe des Käfigs. Und der Käfig bleibt, und der Vogel ist wahnsinnig vor Schmerz.

“Seht den Nichtstuer”, sagt ein anderer Vogel, der vorüberfliegt, “der ist eine Art Rentner”. Aber der Gefangene lebt weiter und stirbt nicht; nichts von dem, was in seinem Innern vorgeht, ist äußerlich bemerkbar; es geht ihm gut, und bei Sonnenschein ist er mehr oder minder fröhlich. Aber dann kommt die Zeit, da die Zugvögel davonziehen. Ein Schwermutsanfall – aber er hat doch alles, was er braucht, sagen die Kinder, die ihn in seinem Käfig versorgen – doch er sieht den gewitterschweren Himmel draußen, und in seinem Innern fühlt er die Empörung gegen das Unglück. “Ich bin im Käfig, ich bin im Käfig, und es fehlt mir ja nichts, ihr Dummköpfe! Ich habe alles, was ich brauche! Ach, um Gottes willen, die Freiheit, ein Vogel zu sein wie andere Vögel!”

Ein solcher Mensch-Nichtstuer gleicht einem solchen Vogel-Nichtstuer.

Und dem Menschen ist es oft unmöglich etwas zu tun, sie sind Gefangene in ich weiß nicht welchem schrecklichen, schrecklichen, sehr schrecklichen Käfig. Ich weiß wohl, es gibt auch die Freilassung, die verspätete Freilassung. Ein zu Recht oder Unrecht verdorbener Ruf, Geldnot, die Ungunst der Umstände. Unglück – das schafft Gefangene.

Mann könnte garnicht immer sagen, was es ist, das den Menschen einsperrt, ummauert, zu begraben scheint, aber doch spürt man irgendwelche Gitter, Schranken, Mauern.

Ist das alles Einbildung, Fantasie? Ich glaube nicht. Und dann fragt man sich: Mein Gott, ist es für lange, ist es für immer, ist es für alle Ewigkeit? Weisst du, was das Gefängnis zum verschwinden bringt? Jede tiefe, ernste Zuneigung, Freund sein, Bruder sein, lieben – das öffnet Gefängnisse mit Herrschermacht, durch einen mächtigen Zauber. Wer aber das nicht hat, der bleibt im Tod.

Aber da, wo Liebe neu geboren wird, wird das Leben neu geboren. [...]”

Vincent van Gogh im Sommer 1879 in einem von 650 Briefen an seinen Bruder Theo in dem er sich gegen die Vorwürfe seiner Familie wehrt, er sei ein Nichtstuer.

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