Burning Love

Vom Schürfen in der Tiefe:
Burning Love und das Grau des Alltags

Fast alles in unserem Dasein der dahintaumelnden Sterblichen entwickelt sich nach klischeehaften Schemen; und dadurch, dass sie uns als teilweise durchaus lächerliche Klischees bekannt sind, sollten wir eigentlich über sie lächeln können – und fähig sein, die Schablonen zu durchbrechen. Das Seltsame ist, dass uns dieses Durchbrechen der bekannten Muster oftmals nicht die Bohne gelingt, obwohl wir sie längst als jämmerliche Klischees entlarvt haben. Solches erwähnte ich schon mal, glaub ich. Das diesmal in tiefschürfender Absicht aufgegriffene Thema jedoch gehört zu den ganz großen Klischee-Schemen menschlichen Siechtums und ist ein wahrer Klassiker unter den Themen: die Liebe. Und zwar die Erfüllte Liebe. Und ihre Folgeerscheinungen. Und also geht es nicht um die andere Liebe, die eigentlich nicht weniger schillernd ist: die Ferne Liebe, die unerwiderte und sich nicht erfüllende, die nicht als Partnerschaft vollzogene Burning Love, jene, die die Fair Sexer einst mit dem Synonym ATR belegten. Die kommt vielleicht ein anderes Mal dran. Im literarischen Reigen dieses selbsternannten altklugen Tieftauchers, der ich bin.

Diesmal aber soll ja die Rede sein von der frischen, gerade aufbrausenden Liebe zwischen zwei Menschen, die sich gefunden haben und nichts anderes tun als sich aufeinander zu stürzen, sich im Gefühls-Taumel verlieren, bedingungslos, schmerzvoll, unbarmherzig leidenschaftlich, fordernd, eigennützig und selbstlos, allumfassend, bedenkenlos, erschöpfend und noch mancherlei mehr, möcht’ ich wetten. Eben ekstatisch. Ah! Ist es nicht das Großartigste, was uns herumwuselnden Verirrten auf diesem Strafplaneten passieren kann? Natürlich ist es das – obwohl es zugleich weh tut. Das tut es seltsamerweise immer, und der Schmerz scheint dazu zu gehören.

Seltsam an diesem ganzen Phänomen ist leider nur folgendes: der gerade angesprochene schrankenlose Glücks-Taumel scheint fast immer arger zeitlicher Begrenztheit ausgesetzt zu sein. Sogar in solchen Fällen, in denen die Partnerschaft gar nicht auseinanderbricht! Und sogar dann, wenn der Taumel nicht in einer Loriot-mäßigen Genervtheits-Hohlheit-Beziehung mündet. Allzu bald, will man den alten Weisheiten Glauben schenken, folgt auf die Phase des wilden, ungestümen Aufeinanderprallens, auf die Phase der verzückten entrückten Verliebtheit im besten Fall jenes, was von Fachleuten gemeinhin als “Liebe” tituliert wird. Und Liebe ist ja viel wichtiger, lernen wir, als Verliebtheit! Denn nun kommen endlich die krönenden Faktoren der menschlichen Verhaltensformen und Fähigkeiten zum Vorschein: Vertrauen. Verständnis füreinander. Verantwortung. Rücksichtnahme. Vernunft. Gemeinsamer, kühler Blick in die Zukunft. Innere Freundschaft. Allesamt Phänomene, die so ziemlich das haargenaue Gegenteil von Ekstase darstellen. Unter Umständen lässt sich mit solchen Tugenden das gemeinsame Leben tatsächlich praktikabler bewerkstelligen – aber der Herzklopf-Glückstaumel der heftig blühenden Verknalltheit ist für immer entschwunden ins Grau der Vergangenheit. Und das ist gut so. Behaupten die Weisen. Denn wer, der von Entrücktheit und unentwegtem Herzklopfen behelligt wäre, könnte schon ein geordnetes Leben führen? Mahnen sie. Wer könnte plan – und maßvoll agieren, und vernünftige Ziele erreichen?

Ich aber sage: Her mit dem Herzklopfen! Nimmer soll es aufhören! Wäre doch gelacht, wenn man nicht trotzdem noch ein paar andere Dinge im Leben auf die Kette kriegen würde. Liebe ist wahrscheinlich die erhabenste Fähigkeit der Menschen, vor allem wenn sie mit Mitgefühl einhergeht, und wenn sie nicht nur auf die Zweier-Beziehung beschränkt bleibt; aber Partnerschafts-Liebe ohne Verliebtheit, oder noch schlimmer: Liebe, die Verliebtheit ablöst – das kommt mir armselig vor, und ich kann es als erstebenswertes Ziel irgendwie nicht richtig akzeptieren. Ein Abflachen der Gefühle, eine Ernüchterung, geboren aus Gewohnheit und Vernunftsgründen, soll ich als weitere Stufe der Verliebtheit anerkennen? Und mir weismachen lassen, dass die hohen Wogen der Frühen Leidenschaft tatsächlich in der ruhigen Bucht der geruhsamen Verbundenheit abebben müssen? Wie desillusionierend. Und ich vermute etwas ganz anderes hinter diesen hohlen Platitüden: Mit solch geschickter Begrifflichkeit versuchen die Menschen lediglich, zu verbrämen, dass sie emotional hohl geworden sind, abgestumpft und leergepumpt. Sie wollen es wahrscheinlich vor sich selbst gar nicht wahrhaben, dass ihnen irgendwann, fast unbemerkt, die Brennende Liebe abhanden gekommen ist, und friemeln sich einen Götzen zurecht, der da auf die Namen Verständnis und Vertrauen hört.

Ich will die Never Ending Burning Love. So. feddich ab. Ist es ein unrealistischer Wunsch? Ist der Mensch womöglich nicht dazu erschaffen, über längere Zeiträume hinweg (sagen wir mal eine Lebensspanne) eine rasende Verliebtheit aufrechtzuhalten? Den Glückstaumel endlos zu machen, oder sagen wir: ihn immer wieder neu zu entdecken?! In den meisten Fällen jedenfalls scheint es tatsächlich nicht zu gelingen. Schlimmer noch: es wird ja gar nicht als hehres Ziel gehandelt. Alle finden es OK, wenn lauwarme Kuscheligkeit und Zufriedenheit das schweißtreibende Sichaufeinanderstürzen ablösen. Und das sogar lediglich im besten Fall! Noch häufiger folgt ja die oben schon mal kurz erwähnte Genervt-Beziehung, ausgelaugt von der grauen, kleinkarierten Pedanz des Alltags. (Nun ja. Vor der sollte man sich wohl in noch größerem Maße hüten.) Mit all dem will sich Dr. Dr. Myk Myk Jung, der mahnende Klugschwafler, nicht zufriedengeben; vor allem, da er selbst das Gefühl hat, all diese klischeehaften Schemen durchbrechen zu können. Irgendjemandem muss es ja schließlich mal gelingen. Vielleicht aber auch einem von Euch, wie wär’s?

Aber Achtung! Burning Love geht nicht ohne Schmerzen. Das wissen alle Klugschwafelnden, und auch die, die es einfach nur fühlen. Sie tut weh, verdelli. Sogar dann, wenn man glücklich ist. Vielleicht vor allem dann, wenn man glücklich ist: Denn dann wiegt der Schmerz über den Verlust des Augenblicks, den man in jedem Moment des Lebens zu ertragen hat, umso mehr. Und außerdem gibt’s noch jede Menge anderer Pein. Vielleicht ist dies der Hauptgrund, warum Verliebtheit so oft in den Schatten der so genannten verständnisvollen Liebe hinübertreten muss: vielleicht hält das menschliche Herz ganz einfach die unentwegte Belastung des immer wieder gefühlten Liebesstichs nicht so richtig aus, und unsere Emotionalität reguliert sich irgendwann wie von selbst herunter in ruhigere Bahnen, wo der Schwindel einen nicht andauernd überkommt. Ein Selbstverteidigungsbollwerk von body und mind, sozusagen. Aber – geht’s Euch auch so? Wenn man an diesem Punkt der Überlegungen angekommen ist, fliegt einen endgültig eine herbe Ernüchterung an. Eine Enttäuschung über die Mittelmäßigkeit der menschlichen Natur. Wir wollen mehr. Endless Burning Love. Oder etwa nicht?

(Myk Jung aus GOTHIC N°44)


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