Camille Claudel
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Eine der genialsten Bildhauerinnen ihrer Zeit

Camille Claudel
8.12.1864 – 19.10.1943
Camille Claudel wurde am 8. Dezember 1864 als zweites Kind von Louis-Prosper Claudel und seiner Frau Louise-Athenaïse Cerveaux in Fère-en-Tardenois, Aisne in Nordfrankreich geboren. Der vor ihr zur Welt gekommene Erstgeborene Charles Henri war am 1. August 1863 im Alter von nur 16 Tagen gestorben. Der Vater freute sich riesig über die Geburt der Tochter, doch die Mutter, die sich einen Jungen gewünscht hatte, wandte sich ab, weinte und redete stundenlang kein Wort.
Am 26. Februar 1866 bekam Camille eine Schwester, die Louise Jeanne genannt wurde. Zwei Jahre später – am 6. August 1868 – erblickte der Bruder Paul Louis das Licht der Welt.
Ihre Kindheit verbrachten die drei Geschwister mit ihren Eltern in Villeneuve-sur-Fère, in Bar-le-Duc (1870), Nogent-sur-Seine (1876), und Wassy-sur-Blaise (1879).
Sowohl der Vater, Louis-Prosper Claudel, als auch der jüngere Bruder Paul Claudel haben ein sehr inniges Verhältnis zu ihr, im Gegensatz zur Mutter, der ihr eigenes Kind fremd blieb. Auf Camille üben Steine und Felsen schon früh eine besondere Faszination aus. Bereits als junges Mädchen ist sie vom Modellieren besessen, und formt aus Schlamm erste Figuren. Im Alter von zwölf formt sie die heute noch erhaltene Plastik von David und Goliath. Sie ist dreizehn und verarbeitet Ton, behaut Stein und tyrannisiert die Umgebung, dass einer ihr Modell steht während der andere ihr Gips anrührt. Alles was sie sieht und liest dient ihr als Vorlage für Skulpturen, Ödipus, Antigone aber auch Politiker ihrer Zeit. Ihr Enthusiasmus und ihre Hingabe erfüllen die Mutter mit äußester Besorgnis, denn eine angehende Künstlerin in der Familie zu haben, betrachtet sie mehr als peinliche Angelegenheit denn als wünschenswerte Entwicklung. Der Kritik der Mutter zum Trotz und obwohl man Frauen zu ihrer Zeit die Eignung für diesen Beruf absprach, beschließt sie Bildhauerin zu werden.

Anders als von ihrer Mutter, erfährt Camille Claudel von ihrem Vater von Anfang an jedwede Unterstützung. So ermöglicht er ihr auch 1879, als sie fünfzehn Jahre alt ist, den Unterricht bei dem renomierten Bildhauer Alfred Boucher (1850–1934). Dieser begutachtet im Gartenschuppen der Familie Claudel in Nogent-sur-Seine die von Camille geschaffene Gruppe ´David und Goliath´. Dieser erkennt das große Talent seiner Schülerin und empfielt dem Vater seine Tochter an der freien “Académie Colarossi” zu einem Kunststudium anzumelden, da Frauen zu jener Zeit der Zugang zu staatlichen Kunstakademien versagt bleibt.
So zieht die Familie Claudel für die Ausbildung der knapp 17-jährigen Camille 1881 nach Paris. In der französischen Hauptstadt besucht sie also die “Académie Colarossi” (das heutige Grande Chaumière), eine der wenigen Kunstschulen, an denen auch weibliche Studenten zugelassen sind. Ihre Schwester Louise besucht eine Musikschule um sich als Pianistin zu vervollkommnen und ihr Bruder Paul Louis ein Lehrerseminar (”Lycée Louis-le-Grand” ). Camille gründet in Paris auch bald mit zwei anderen jungen Künstlerinnen ein Atelier und als sie 18 Jahre alt ist findet ihre erste Ausstellung statt.
Im Jahr darauf, 1883, begegnet sie dem vierundzwanzig Jahre älteren egozentrischen Bildhauer Auguste François Rodin (1840-1917), der in vollen Zügen seinen künstlerischen Erfolg genießt. Ein Erfolg, der sich immerhin erst nach einer langen Durststrecke eingestellt hatte. Der mühsam erarbeitete Durchbruch kam 1880, als er mit dem ´Höllentor´ seinen ersten großen Staatsauftrag erhielt. Dieser zeigte sich beim ersten Treffen von einer Büste Camilles beeindruckt, die ihren 14-jährigen Bruder Paul Louis darstellte. Dagegen kritisierte er an ihrem Werk ´David und Goliath´ die zu starken Kontraste der Form.
Zunächst wird sie seine Schülerin, nachdem Rodin aber das außergewöhnliche Talent Camilles erkennt, bietet er ihr eine Mitarbeit in seinem Atelier an. Sie emanzipiert sich als Künstlerin, die sich mit dem Meister messen kann, und als einzige Frau in seinem Atelier ist sie nicht nur Lieblingsschülerin und unentbehrliche Mitarbeiterin, sondern wird auch Geliebte von Rodin. Diese Reihenfolge ist bei Rodin nicht ungewöhnlich, denn viele seiner Modelle begehrt er nicht nur ideell – darin entsprach er ganz und gar dem Klischee vom sinnlichen, sexuell überaus aktiven Pariser Künstler. Mit Camille Claudel hingegen verbindet ihn von Anfang an weitaus mehr als lediglich eine Affäre.
“My very dearest down on both knees before
your beautiful body which I embrace.”
- Aus einem Brief von Rodin an Camille, am Ende des Jahres 1884
Ihre Liebe zu dem reifen Künstler beflügelt sie in ihrer eigenen Kunst; sie vervollkommnet in der gemeinsamen Arbeit mit ihm ihre Bildhauertechniken und überdies erhält sie durch ihn Zutritt zu den angesehenen Pariser Künstlerkreisen. Doch die Sache hat einen Haken: Camille lernt zwar sehr viel, doch in erster Linie profitiert Rodin von dieser Liebe: Camille ist seine Muse, steht für ihn Modell, ihre Lebendigkeit, ihr Tatendrang, ihr Temperament und ihre kreative Energie wird für ihn zu seiner wichtigsten Quelle der Inspiration. Während Rodin alle Vorteile aus dieser Beziehung schöpft, ist er keineswegs bereit, für seine neue Liebe seine langjährige Lebensgefährtin Rose Beuret (die er bereits 1864 kennenlernte), zu verlassen. So läßt sich Camille Claudel auf ein Arrangement ein, um den Geliebten nicht zu verlieren: Rose Beuret fungiert weiterhin als “Hauptfrau” Rodins, während ihr die Rolle der “Nebenfrau” zukommt.
Trotz dieser Konstellation entstehen viele Werke der beiden in gegenseitiger Beeinflussung und Inspiration – Rodin verewigte Camille in ´Der Kuß´ (1886), die eine sehr innige Umarmung darstellt, ´Der Gedanke´ (1886) und ‘Camille mit der phyrygischen Haube’. Diese Werke wurden in Glasmasse modelliert, einem Material, das so weich und zart war wie Camille. Ihr eigenes Schaffen steht in dieser Zeit stark unter Rodins Einfluß. Als erste Bildhauerin und Frau wagt sie es schwierige Materialien, wie den zerbrechlichen Onyx zu bearbeiten. Ihre Werke, obwohl so kraftvoll wie diejenigen Rodins, sind ausgefeilter, die Oberflächen sind sanfter und strahlen mehr Seele aus.

Der Kuss von Auguste Rodin
Den künstlerischen Durchbruch schaffte Camille Claudel im Alter von 24 Jahren, als sie bei der Ausstellung des Champs Elysées 1888 ihr Werk ´Sakuntala´ präsentierte. Dabei handelt es sich ebenfalls um die Darstellung einer Frau und eines Mannes in inniger Umarmung. Damit löste sich die Schülerin aus dem Schatten ihres Lehrers, aber als Frau kam sie von ihm nicht mehr los. Auguste Rodin sagte einmal: “Ich habe ihr gezeigt, wo man Gold findet, aber das Gold, das sie findet, gehört ganz und gar ihr.” 1898 vollendete Camille die Plastik ´Persée et la Gorgone´, die Perseus mit dem abgeschlagenen Haupt der Medusa zeigt.


“Es würde mich sehr wundern, wenn Mademoiselle Claudel nicht plötzlich eines Tages zu den großen Meistern der Bildhauerei in diesem Jahrhundert zählt.”
- So äußerte sich 1893 der Kunstkritiker Octave Mirbeau über die damals 29jährige Künstlerin.
Doch der unbeschwerte Glückszustand dauert nicht lange an und die Liebesbeziehung wird zunehmend von Mißstimmigkeiten und Streitereien überschattet. Künstlerisch wächst die Anerkennung für das Werk Camilles, obwohl es immer an der Arbeit Rodins gemessen wird, doch der künstlerische Erfolg wird ihm zuteil.
Als Camille von Rodin schwanger wurde, zog sie 1890 in das Schloss Islette ein, wo sie eine Fehlgeburt erlitt. Während dieser Zeit lernte sie ein kleines Mädchen kennen, das sie später in ihrer Skulptur ´Die kleine Schlossherrin´ (1894) verewigte. Anschließend kehrte sie nach Paris zurück. Dort befreundete sie sich mit dem Komponisten Claude Debussy (1862–1918) und machte die Bekanntschaft des französischen Romanschriftstellers Marcel Proust (1871–1922) und des Malers Henry de Toulouse-Latrec (1864–1901).
In ihrem eigenen Atelier am Boulevard d’Italie in Paris, das sie drei Jahre lang benutzte, schuf Camille Claudel 1892 eine bronzene Büste von Auguste Rodin. Einhergehend mit dem privaten Desaster sorgt sie sich zunehmend um ihre Eigenständigkeit als Bildhauerin, so zieht sie erstmals 1893 die Konsequenzen und trennt sich von Rodin, um unabhängig von ihm – ausschließlich für ihre eigene Kunst zu leben. Aber sie verwindet die Trennung nie und gibt die Hoffnung noch nicht auf, schließlich doch noch den Sieg über die wesentlich ältere Konkurrentin davonzutragen. Zu spät gesteht sie sich ein, dass Rodin seine Rose niemals verlassen wird. Sie verarbeitet die Erlebnisse in ihrem Hauptwerk ´L’Age Mur´ (Das reife Alter), welches eine sich niederkniende Frau, einem älteren Mann nachflehend darstellt. Dieser aber hat eine andere Frau im Arm und reißt sich von der flehenden los.

In diesem ganzen hin- und her bekommt sie 1895 einen staatlichen Auftrag. Zu jener Zeit war die Bildhauerei nur noch Dekorationskunst. Obwohl von den Kritikern gelobt, gab keine großen wohlhabenden Auftraggeber mehr. Künstler mussten, um ihre Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren, die großen staatlich organisierten Veranstaltungen nutzen. Dies waren entweder Salons oder Wettbewerbe für öffentliche Gebäude.Sie muss enttäuscht erfahren, dass Rodin, nie die Absicht hatte, sie zu heiraten. Mit dem Gefühl als Künstlerin und Frau, benutzt worden zu sein, trennt sie sich 1898 entgültig von Rodin und kämpft um künstlerische und soziale Unabhängigkeit. Das Feuer des Schmerzes brennt weiter in ihrer empfindsamen Seele. Denn mit Rodin verliert Camille nicht nur ihren Geliebten, sondern auch ihr Vorbild, ihren Lehrmeister, ihre Vaterfigur. Nachdem sie nun nicht mehr in ihrer künstlerischen Entwicklung gehemmt war, entwickelte sie einen individuellen plastischen Stil, der sich nun vor allem in Kleinplastiken dokumentierte. In den folgenden Jahren entstehen viele originelle Werke, mit denen sie vor allem Alltagssituationen abbildet. Sie findet Anerkennung mit ihren aus Marmor und Onyx geschaffenen Werken ´Der Walzer´ (1893), ´Clotho´ (1893) und ´Die Schwätzerinnen´ (1895 in Gips, 1896 in Marmor, 1897 in Jade). Für eine Ausstellung in Genf stellte sie 1896 insgesamt 19 Skulpturen zur Verfügung.


Doch innerlich kann sie sich nie ganz von Rodin lösen und auch sonst brachte die Trennung nicht viel, denn sie kann sich weder mit ihm noch ohne ihn künstlerisch behaupten. Mit ihm bleibt sie die kleine Schülerin des großen Meisters, ohne ihn erhält sie kaum Aufträge. Und wenn sie doch mal einen Auftrag erhält und eine Büste erschaffen soll, fehlt das Geld für den Marmor und die Arbeiter.
1899 bezieht sie ihr letztes kleines Atelier – das ihr zugleich als Wohnung dient – am Quai de Bourbon auf der Île-St-Louis. Vom 4. bis 16. Dezember 1905 beteiligte sich Camille mit 13 Skulpturen in Paris bei Jacques Emile Blot (1885–1960) zum letzten Mal an einer Ausstellung.
Sie ist demoralisiert, pleite und durch ihr verbittertes Arbeiten auch körperlich geschwächt. Ihre folgenden Werke sind von großer Ausdruckskraft, in ihnen zeigt sich der seelische Schmerz der Künstlerin. Sie vereinsamt in ihrem Atelier immer mehr. Marmor ist ihr Lieblingsmaterial aber aus Geldmangel häuft sie Entwürfe und Gipsmodelle an. Während sich Rodin einen eigenen Pavillon leisten kann, mehren sich bei ihr die Besuche des Gerichtsvollziehers. Ihr körperlicher und seelischer Zustand verschlechtern sich.
Sie phantasiert sich in die Vorstellung hinein, sie sei das Opfer finsterer Machenschaften ihres ehemaligen Geliebten. Mit den Jahren legt sich Camille Claudel sogar eine regelrechte Verschwörungstheorie zurecht: Rodin sei darauf aus, sich ihrer Phantasie zu bedienen und ihre Ideen zu rauben, da ihm selbst die Einfälle ausgegangen seien. Ihre tiefen Lebensängste verdichten sich am Ende zum pathologischen Verfolgungswahn und sie kommt alleine nicht mehr zurecht. Obwohl sie weiterhin in angesehenen Kunstsalons und Galerien ausstellte, verarmt sie immer mehr und ihr bedenklicher psychischer Zustand lässt sie auch nach außen hin verwahrlosen: Sie vernachlässigt ihre Kleidung, die Körperpflege gerät ihr vollkommen aus dem Blickfeld und ihr Atelier ist mit Unrat angefüllt, sie beginnt zu trinken und irrt durch Paris. In ihrer emotionalen tiefen Krise zerstört sie im Sommer 1906 einen Großteil ihrer eigenen Kunstwerke. Sie verbarrikadiert sich in paranoider Angst und hält die Fensterläden auch tagsüber geschlossen. “Camille verrückt”, notiert Paul Claudel nach einem Besuch bei ihr in seinem Tagebuch. “Die Tapeten in langen Streifen von den Wänden gerissen, ein einziger kaputter und zerrissener Sessel, furchtbarer Schmutz. Sie selbst ist fett und schmutzig und redet ununterbrochen mit monotoner und metallischer Stimme.” Nicht nur von Auguste Rodin, sondern auch von Mutter und Schwester fühlt sich Camille verfolgt. Louise hatte 1888 einen erheblich älteren Mann aus Villeneuve-sur-Fère geheiratet. Nach dessen Tod zog sie mit ihrem kleinen Sohn ins Haus der Eltern, die seit der Pensionierung Louis-Prosper Claudels wieder zusammen in Villeneuve wohnen.
Nicht nur die Mutter und ihre Geschwister, auch der Vater, der einst so stolz auf seine Tochter war, löst sich von ihr.
Der Vater stirbt am 2.März 1913 im Alter von achtundachtzig. Am 3.März 1913 erhielt Camille ein Telegramm, in dem ihr der Tod ihres Vater mitgeteilt wurde. Danach verließ sie nicht mehr ihr Atelier, verharrte dort nackt und aß nichts. Die Beerdigung findet ohne sie statt. Paul Claudel fährt nach Paris und besorgt sich bei einem entfernt verwandten Arzt ein Attest über die Unzurechnungsfähigkeit seiner Schwester, das er bei der Polizeipräfektur vorlegt.
Am 10. März 1913 wird die inzwischen 49jährige Camille gegen ihren Willen aus ihrem Atelier abgeholt und mit Gewalt in die staatliche Nervenheilanstalt Ville-Evrard bei Paris mit über tausend Betten eingewiesen. Eine Woche später will Rodin sie besuchen, aber die Anstaltsleitung zieht die zunächst erteilte Erlaubnis aus einem nicht bekannten Grund gleich wieder zurück.
Im Sommer des Jahres darauf verlegt man sie in die geschlossene Anstalt Montdevergues bei Avignon. Dort bekommt sie auch nicht mit, dass Auguste Rodin seine langjähige Lebengefährtin Rose Beuret am 29.Januar 1917 heiratet. Rose stirbt bereits am 14.Februar 1917 und Rodin am 17.November 1917.
Immer wieder bittet sie in Briefen an ihre Familie inständig darum sie zu besuchen. Ihre Mutter sowie ihre Schwester zeigten sich von dieser Bitte ungerührt. Lediglich ihr Bruder, zu dem sie seit frühen Kindheitstagen an ein sehr inniges Verhältnis hat, kommt dem Wunsch Camilles einige (wenige) Male nach. Paul Claudel, der es als Diplomat zu Ansehen gebracht hat, bringt ein gewisses Maß an Verständnis für sie auf, denn auch er hat sich der Kunst verschrieben und macht spät als Schriftsteller Karriere. Paul Claudel liebte, ja vergötterte seine Schwester, aber gleichermaßen fürchtete er sie in ihrer Unberechenbarkeit. Die Briefe an ihren Bruder sind ein bewegendes Zeugnis ihrer Frustrationen, Enttäuschungen und wachsender Verzweiflung.
“Hier ist nicht mein Platz, man muss mich aus diesem Milieu entfernen. Nach heute vierzehn Jahren dieses Lebens fordere ich laut und vernehmlich die Freiheit“. Vergeblich schrieb Camille Claudel aus der Irrenanstalt solche verzweifelten Briefe, klagte über Hunger, Kälte, Vernachlässigung.
“Was mich betrifft, so bin ich über den Fortgang meines Lebens hier so verzweifelt, dass ich nicht mehr ein menschliches Wesen bin. Ich kann die Schreie all dieser Geschöpfe nicht mehr ertragen. Es bricht mir das Herz. Mein Gott! Wie ich mich nach Villeneuve sehne! Ich habe nicht all das getan, was ich getan habe, um namenlos in einem Irrenhaus zu enden, ich habe Besseres verdient…”
- Camille Claudel in einem Brief an ihren Bruder Paul
Camille Claudel, die in zeitgenössischen Kunstkreisen durchaus keine Unbekannte war, gerät in der Isolation der Anstalt noch vor ihrem Tod in Vergessenheit und verbringt dort die letzten 30 Jahre ihres Lebens, als normale, aber vereinsamte Frau, die mit ihren aufgestauten Aggressionen nicht mehr umgehen konnte, unter Irren, ohne ein weiteres Werk geschaffen zu haben in der Weigerung in einer solchen Umgebung Kunst zu schaffen und ohne je den ihr zustehenden Erfolg erlebt zu haben.
Am 19. Oktober 1943 stirbt Camille Claudel im Alter von 78 Jahren in der Anstalt von Montdevergues und sie wird auf dem Friedhof der Anstalt beerdigt. Als ihr Bruder Paul Louis später an den Bürgermeister von Montdevergues schrieb und ihn im Namen der Familie Claudel bat, Camille eine letzte Ruhestätte zu geben, die dieser großen Künstlerin würdig sei, erhielt er von der Friedhofsverwaltung die traurige Antwort: “Das Grab existiert nicht mehr, da das betroffene Terrain für Dienstzwecke requiriert worden ist”.
Claudels Werk, das lange Zeit in Vergessenheit geriet, wurde erst in den siebziger und achtziger Jahren neu entdeckt. Den Anfang machte die französische Theaterregisseurin und Autorin Anne Delbée, die 1982 sowohl ein Theaterstück als auch eine Romanbiographie (”Der Kuss” ) über die Künstlerin veröffentlichte. 1984 rief eine Ausstellung ihrer Werke in Paris der Nachwelt in Erinnerung wie einzigartig sie war. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung urteilte über sie: “Sie war eine jener mutigen Frauen, die sich ins offene Wasser hinaus wagten. Sie hatte das Zeug zu einer Königin.”

Die 1984 erschienene umfassende Biographie von Reine-Marie Paris, einer Nichte der Bildhauerin, wurde wiederum 1988 Grundlage einer Verfilmung von Reggisseur Bruno Nuytten mit Isabelle Adjani (als Camille Claudel) und Gerard Depardieu (als Auguste Rodin) in den Hauptrollen. Im Zuge des erwachten öffentlichen Interesses am Schicksal der Künstlerin wagten sich einige Museen sogar an größere Werkausstellungen. Im Pariser Musée Rodin hat mittlerweile eine repräsentative Auswahl von Werken Camille Claudels ihren festen Platz gefunden. Hiermit wurde posthum dem Wunsch Auguste Rodins Genüge getan, der in dem noch zu seinen Lebzeiten geplanten Museum einen gebührenden Platz für die Werke Camille Claudels eingefordert hatte.
Camille Claudel war eine der begabtesten, genialsten Bildhauerinnen ihrer Zeit. Sie konnte ihre Persönlichkeit nie zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen und versuchte den gesellschaftlichen Anforderungen und Normen ihrer Zeit – Heiraten, Kinderkriegen – zu genügen und dies mit ihren künstlerischen Bedürfnissen zu vereinen, musste aber daran scheitern. Von ihr existieren keine Spuren mehr, außer in dem Werk der großen Bildhauerin, die sie war und der heute ein Platz in unserem künstlerischen Erbe gebührt.
(Thorsteiin Spicker)
Quellen:
Superfrauen 9 – Malerei und Fotografie von Ernst Probst
WageMutige Frauen. 16 Porträts von Dieter Wunderlich
Weiterführende Links:
Wikipedia:Camille_Claudel
Camille-Claudel.org von Reine-Marie Paris
Auf Spurensuche nach Camille Claudel
Association Camille Claudel
Camille Claudel – Der Film bei Amazon
Camille Claudel Gymnasium
Zum Weiterlesen:
Anne Delbée – Der Kuß, Kunst und Leben der Camille Claudel
Barbara Krause – Camille Claudel, Ein Leben in Stein
Barbara Leisner – Ich mache keine Kompromisse, Camille Claudel
Josef A. Schmoll – Rodin und Camille Claudel
Reine-Marie Paris – Camille Claudel
Rodin-Links:
Rodin Museum
Musee Rodin
Wikipedia:Auguste_Rodin
* Rodin-Web
Paul Claudel-Links:
