Hieronymus Bosch – Garten der Lüste
Himmlische Lüste und Höllenqualen
Die Bildwelt von Hieronymus Bosch ist phantastisch, märchenhaft und bevölkert von Elfen, Monstern und voller rätselhafter Symbole. Lüste und Qualen liegen bei dem niederländischen Meister dicht beisammen. Eines der schönsten und geheimnisvollsten Bilder des Museo del Prado in Madrid ist ein Triptychon. Zugeklappt stellen die beiden Tafeln den Schöpfungsmythos dar.

Klappt man ihn auf, sieht man auf der mittleren Tafel den Garten der Lüste, das Diesseits mit all seinen Verführungen. Die beiden Flügelstellen das Jenseits dar: rechts den Garten Eden und auf dem linken Flügel die “musikalische Hölle”. Die Hölle ist in drei Teile unterteilt. Im oberen Drittel spielt sich ein Inferno ab: brennende Häuser, öde Landschaften und Menschen im Kampf. Soldaten ziehen in die Schlacht und nackte Leiber flüchten vor dem blutrünstigen Ereignis.

Im mittleren Teil des Bildes sind zwei riesige Ohren von einem Speer durchstochen und halten ein Messer (eine Anspielung an die in der mittelalterlichen Strafjustiz übliche Abtrennung von Körperteilen). Dämonen zerren Menschen unter das Messer und legen sie so, dass das Messer als Fallbeil genutzt werden kann. Im Mittelpunkt steht ein Riese. Sein Gesicht ist das einzige individuell gestaltete des ganzen Altars. Beine und Unterleib sind nicht vorhanden, stattdessen klafft ein riesiges Loch, wo man dem Hünen in den Torso schauen kann. Der Körper erinnert an ein aufgesprungenes Ei. In seinem Inneren spielen sich Szenen ab, die wohl auf Bordellbesuche anspielen. Die Oberarme des Baummenschen enden in toten Baumstümpfen, die in kleinen Booten stehen. Auf dem Kopf trägt er einen Mühlstein, auf dem ein Dudelsack (Synonym für die Todsünde Wolllust) thront. Rechts liegt ein Ritter in gleißender Rüstung am Boden, in seiner Hand hält er eine Fahne mit einer Kröte, dem Symbol des Bösen. Er wird von Reptilien und Drachen bei lebendigem Leibe aufgefressen. Umrahmt wird die Szene von allerlei Haushaltsgegenständen. Manche deuten dies als Kritik an der Verschwendungssucht des Adels. Im unteren Teil des Bildes jagt ein Hase mit zwei gepanzerten Hunden seine Jäger. An seiner Lanzebaumelt ein menschlicher Körper. Eine als Nonne verkleidete Sau bedrängt zwei Männer mit Urkunden, wohl weil diese Geständnisse unterschreiben sollen (eine deutliche Anspielung auf die Inquisition und den Amtsmissbrauch der Kirche). Oben befinden sich mehrere Musikinstrumente, mit denen Dämonen Menschen foltern und quälen. Darunter ist eine Spielszene dargestellt. Ein Spieltisch ist umgekippt, einer der Spieler hängt mit Messern am Tisch. Ein Dämon krallt sich in ihm fest. Auf dem Rücken trägt der Dämon ein Schild mit einer Schwurhand, die Würfel hält. Prangerte Bosch damit die Spielsucht an? Im Zentrum des unteren Teiles sitzt der Teufel in Menschengestalt und einem Greifvogelkopf. Er frisst Menschen und scheidet sie unbeschadet wieder aus. Unter ihm sitzt eine Frau, sie ist nackt und eine Kröte sitzt auf ihrer Brust (Anspielung auf die Todsünde Hochmut). Ihr Gesicht spiegelt sich im glänzenden Hinterteil eines Dämons.
Bildwelt voller Symbole und Anspielungen
Der Titel des Triptychons lautet “Der Garten der Lüste” Gemalt hat die Bilder nicht etwa ein Surrealist in den 1930er Jahren, sondern ein Meister des 15. Jahrhunderts. Es war Jheroniemus van Aken, der sich später nach seiner Heimatstadt ’s-Hertogenbosch Hieronymus Bosch nannte. Zahllose weitere kleinere Szenen und Anspielungen sind in dem Bild enthalten, wohl gemerkt, es handelt sich nur um eine Tafel des Triptyhons, der insgesamt aus fünf Tafeln besteht, eine prächtige und bildreicher als die andere. Da treiben Gnome, Monster, Chimären, Nackte, Dämonen und andere Zwitterwesen ihr Unwesen, Menschen werden gefoltert, aufgefressen und aufgespießt.
Allerlei Tiere werden symbolisch in Szene gesetzt. Vögel und Schmetterlinge schwirren durch das Bild. Giraffen, Elefanten, Füchse und Bären streifen durch das Paradies auf den Bildern zu sehen, aber auch Fabelwesen wie Einhörner und Drachen kommen vor, genauso wie Zwitterwesen, die halb Vogel, halb Echse oder halb Fisch sind. Überall tummeln sich Menschen, mal gequält, mal verführt und mal als heitere Wesen, die sich ihres Daseins erfreuen. Merkwürdige Gebilde dienen als Behausungen für Mensch und Tier. Man kann Stunden vor dem Bild verweilen und es betrachten, man entdeckt immer wieder Neues und kann darüber grübeln, was denn nun genau gemeint sei und worauf dieses oder jenes Detail denn anspielt. Fast alle seine Bilder sind in strahlenden Farben gemalt. Zweck seiner Bilder war vor allem die Darstellung des Menschen, mit seinen guten, vor allem aber mit seinen schlechten Eigenschaften. Immer wieder prangert Bosch in seinen Bildern die Sünden an. Wohl eine deutliche Warnung, im Diesseits nicht die Chance auf das Jenseits zu verspielen. Und obwohl es uns heute schwer fällt, die Bildwelten des Hieronymus Bosch zu verstehen, für seine Zeitgenossen waren es wohl leicht zu verstehende Bilderbücher.
Zwischen Frömmigkeit und Renaissance
Viel ist über das Leben des Meisters der Phantasmagorien nicht bekannt, er stammt aus einer Familie von Malern und hat wahrscheinlich seinen Heimatort ’s-Hertogenbosch nie verlassen. Für die Kunstgeschichte bleibt der Maler ein Unbekannter und Kunsthistoriker stehen dem Werk in vielen Details ratlos gegenüber. Nicht einmal eine genaue Datierung für die Bilder gibt es, da Bosch seine Bilder nicht datierte. Nur ein einziger Satz ist auf einer Zeichnung von Bosch überliefert: “Es ist eine sehr elende Eigenschaft, immer nur bereits Erfundenes aufzugreifen, niemals aber selbst zu erfinden.” Enge Beziehungen scheint Bosch mit dem Bildhauer und Kupferstecher Alart du Hameel gepflegt zu haben, der zwischen 1478 und 1496 in Hertogenbosch lebte und als Architekt dem Baubetrieb um die Johanneskirche vorstand. Dessen Kupferstiche dürften auch die frühesten Zeugnisse von verlorengegangenen Gemälden Boschs sein. Bosch malte anfangs wohl für Klerus und Aristokratie seiner Heimatstadt, aber rasch wurde auch ein internationales Publikum auf ihn aufmerksam, selbst der burgundisch-habsburgische Hof bestellte bei ihm. Wahrscheinlich ist auch, dass er gesellschaftlichen Umgang mit den höheren Kreisen pflegte. Seine Heirat mit der Patriziertochter Aleid van de Mervenne hatten ihm Ansehen und wirtschaftlichen Wohlstand gebracht schon bevor er als Maler zu Ruhm und Reichtum kam. So wurde Bosch auch Mitglied der Liebfrauen-Bruderschaft. Diesem elitären Zirkel gehörten vor allem Geistliche und Priester an, aber auch Aristrokraten und Patrizier konnten sich anschließen. Man pflegte Kontakt zur hohen Geistlichkeit, des Adels und den städtischen Eliten. Neben diesen politisch-gesellschaftlichen Belangen widmete man sich aber auch Religiösem. Man traf sich zum gemeinsamen Essen, zwei Mal in der Woche zur Messe und beging die Festtage gemeinsam. Im Kreise dieser eingeschworen Gemeinschaft und durch die dadurch entstandenen Kontakte zum Hof, fand Bosch seine Auftraggeber und Abnehmer für bereites fertige Gemälde. Kein Wunder das der Maler dieser Bildwelten aus Hertogenbosch stammt, war doch die Stadt mit 40 Kirchen und einigen Klöstern nicht nur reich, sondern auch sehr fromm. Und während Bosch die Hölle malte und die Inquisition und Hexenverbrennung quer durch Europa wütete, blühten in Florenz Humanismus und Renaissance auf, die Erde wurde zur Kugel, Kolumbus entdeckte Amerika und Kopernikus schuf die Grundlagen für ein neues Weltbild. Da musste einer wie Bosch eindringlich davor warnen, vom rechten (Glaubens-)Pfad abzuweichen. Mit welcher Inbrunst er das tat, erkennt man vor allem wenn man die Bilder seiner Zeitgenossen betrachtet. Leonardo Da Vinci malte zur selben Zeit sein Abendmahl, Michaelangelo und Raffael vollenden ihre Meisterwerke in Italien, Dürer malt Naturstudien wie den Feldhasen und das große Rasenstück und Hans Memeling schuf in Brügge seine schönsten Altäre. Alle sind in ihrer Bildsprache ähnlich und weit entfernt von Boschs Bilderwelt.
Keiner von ihnen malte wie Hieronymus Bosch und keiner versuchte derart inbrünstig, die Menschen vor der Sünde zu warnen und auf dem rechten Weg des Glaubens zu halten. Oder sind seine Bilder gar als satirische Anprangerung der herrschenden Verhältnisse seiner Zeit zu verstehen? Sein Werk wird uns wohl ein ewiges Rätsel bleiben.
Garten der Lüste Poster
Wikipedia:Garten der Lüste
Wikipedia:Hieronymus Bosch
