Novalis

Traum als Wirklichkeit und Wirklichkeit als Traum

v1.2 03.05.2005

 

Georg Friedrich Freiherr von Hardenberg
(* 2.Mai 1772 – † 25.März 1801)

Novalis

“Wir leben alle von dem, was uns Menschen
in bedeutungsvollen Stunden gegeben haben…”

- Novalis

Ludwig Tieck, 31.5.1773 -  28.4.1853Karl Wilhelm Friedrich Schlegel, 10.3.1772 - 12.1.1829Friedrich Schiller, 10.11.1759 - 9.5.1805Gottfried August Bürger, 31.12.1747 - 8.6.1794Johann Paul Friedrich Richter, 21.3.1763 - 14.11.1825

Novalis, der Dichter der Romantik wurde als Georg Friedrich Phillip Freiherr von Hardenberg am 2.Mai 1772 in Oberwiederstedt in der Nähe von Mansfeld im Preußischen Sachsen (Kursachsen) als zweites Kind und erster Sohn, von ingesamt 10 Geschwistern, geboren. Die Eltern sind pietistisch und Mitglieder der Herrnhuter Gemeinde (Die Herrnhuter Brüdergemeine ist eine aus dem Pietismus und der tschechischen Reformation stammende christliche Glaubensbewegung innerhalb der staatlichen protestantischen Kirche (´Kirchlein in der Kirche´), die heute in der Regel den Freikirchen zugeordnet wird. Sie wurde von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf gegründet – mehr siehe Wikipedia).

Die Hardenbergs, ein weitverzweigtes bis ins 12. Jahrhundert nachweisbares niedersächsisches Adelsgeschlecht, sind alles andere als begütert; Heinrich Ulrich Erasmus von Hardenberg, der Vater, ist gezwungen, den Unterhalt der Familie durch ein regelmäßiges Einkommen zu sichern. Daher übernimmt er 1784 den Posten des Direktors der Kursächsischen Salinen Artern, Kösen und Dürrenberg, was einen Umzug nach Weißenfels nötig macht. Der Mutter, Auguste Bernardine von Hardenberg, geb. von Bölzig, bleibt er zeitlebens innig zugetan:
 
“Du trugst beynah alles zur Entwicklung meiner Kräfte bey, und alles was ich einst gutes wage und thue, ist Dein Werk und der schönste Dank, den ich Dir bringen kann.”

Das Verhältnis zum Vater gestaltete sich schwieriger; wirklich nahe kamen sich die beiden wohl erst seit Novalis’ Eintritt in die Salinendirektion 1795/96. Insgesamt haben die Hardenbergs elf Kinder. Nur eines überlebt die Mutter.

“Die Liebe ist stumm, nur Poesie kann für sie sprechen”
- Novalis

1780 kam Novalis wegen einer Krankheit an die Ruhr, überwand sie aber schnell und es trat danach eine “rasche geistige Entwicklung” ein, und er lernt in dieser Zeit Latein und Griechisch. Nachdem seine Schwester Auguste geboren wurde, kommt der 11 jährige Novalis wegen schwerer körperlicher und seelischer Erkrankung der Mutter zu seinem Onkel Gottlob Friedrich Wilhelm von Hardenberg nach Lucklum, der als Landkomtur des deutschen Ritterordens auf Schloß Lucklum zwischen Helmstedt und Wolfenbüttel residiert.

Er betritt eine andere Welt, da sein Onkel ein großzügiges Jungegesellenleben führt. Sein Haus ist die Stätte weltgewandter Aristrokraten der Aufklärungszeit. Er befindet sich im Spannungsfeld zum sparsam zugeschnittenen, streng pietistischen Elternhaus. Hier in der Bibliothek des Onkels findet er Werke, die niemals über die Schwelle des elterlichen Hauses gekommen wären, wie z.B. Goethes “Götz” und “Werther”, Wieland, Lessing, Shakespeare und Cervantes. Sein Onkel wünscht sich für seinen Neffen eine stolze Staatskarriere, der Vater aber gedenkt ihn zum strengen Pietisten zu erziehen und sieht jede Geselligkeit als Sünde an. In diesem Spannungsfeld entwickelt er bald seine unabhängige Urteilsbildung. Dennoch bleibt der Onkel eine bestimmende Gestalt in  seinem Leben.

Erste Gedichte von Novalis sind seit 1784 bekannt, er stand in seiner Jugendzeit lange in brieflichen Kontakt zu dem im nahen Molmerswende geborenen Dichter Gottfried August Bürger, und nun, 18-jährig nach dem Abschluß der Schulbindung am Luthergymnasium Eisleben 1790, endet auch sein Jugendwerk als früher Dichter. Um den Zeitraum des 23. Oktobers 1790, als er sich auf Wunsch des Vaters als Student an der juristischen Fakultät der Universität Jena einträgt, übersetzt er klassische Autoren. Dort schließt er, auch auf Vermittlung seines Vaters, eine enge Freundschaft mit dem Geschichts-Professor Schiller (Die Jungfrau von Orleans, Wilhelm Tell), während dessen Krankheit. In seiner Freizeit widmet er sich dem Fechten und verstrickt sich in Liebesabenteuer. Schiller wird von Heinrich Ulrich Erasmus von Hardenberg gebeten, seinen lenkenden Einfluß auf den Lebenswandel und die Entscheidungen des Sohnes zu richten. Novalis folgt aber lieber Vorlesungen über Philosophie und Geschichte als über Rechtswissenschaften.

Novalis an Professor Karl Leonhard Reinhold in Jena (Brief vom 5. Oktober 1791):
“Ich werde in 3 Wochen nach Leipzig abgehn, und nach einer gänzlich veränderten Lebensordnung zu leben dort anfangen. Jurisprudenz, Mathematik und Philosophie sollen die 3 Wissenschaften seyn, denen ich diesen Winter mich mit Leib und Seele ergeben will und im strengsten Sinne ergeben. Ich muß mehr Festigkeit, mehr Bestimmtheit, mehr Plan, mehr Zweck mir zu erringen suchen und dis kann ich am leichtesten durch ein strenges Studium dieser 3 Wissenschaften erlangen. Seelenfasten in Absicht der schönen Wissenschaften und gewissenhafte Enthaltsamkeit vor allem zweckwidrigen hab ich mir zum strengsten Gesez gemacht [...]. Schiller zeigte mir höhere, reizendere Zwecke in dem Studium dieser ernsteren Wissenschaften, für die jeder nur einigermaaßen an Kopf und Herzen gesunde und unverdorbene Mensch sich feurig und lebhaft interessiren muß. [...] Ich brauche mich auch deswegen, wie ich neulich an Schiller schrieb, nicht an Kopf und Herz von meiner Brodwissenschaft Abälardisiren zu lassen. Musen und Grazien können immer die vertrauten und nüzlichen Gespielen meiner Nebenstunden bleiben [...].”

Unter Schillers Einfluss entstand das erste veröffentlichte Gedicht “Klagen eines Jünglings” in Wielands “Neuem teutschen Merkur”. Nach zwei Semestern wechselte er am 24. Oktober 1791 zum Studium der Rechte, Mathematik und Philosophie in Leipzig, beschäftigt sich interessiert mit Immanuel Kant und schließt 1792 mit dem gleichaltrigen romantischen Dichter Friedrich Schlegel (u.a. Übersetzungen von Shakespeare) Freundschaft. In einem Brief an den Bruder beschreibt Schlegel Hardenberg so:
„Ein noch sehr junger Mensch – von schlanker, guter Bildung, sehr feinem Gesicht mit schwarzen Augen von herrlichem Ausdruck – er redet dreymal mehr und dreymal schneller wie wir anderen … er geht nicht auf das wahre sondern auf das schöne – mit wildem Feuer trug er mir einen der ersten Abende seine Meinung vor – es sey gar nichts Böses an der Welt – und alles nahe sich wieder dem goldenen Zeitalter.”

Im Jahr 1793 bahnen sich Irrungen und Verwirrungen an und rufen den Zorn des Vaters hervor. Novalis spürt selbst sein Versagen und glaubt das Heil zur Festigung seines Charakters beim Militär zu finden; Disziplin, Ordung und Regelmäßigkeit sollen seinen romantischen Schwung und Phantasie zügeln. Aber die Pläne vom Eintritt in den preußischen Staatsdienst – der Vermittler war der entfernte Verwandte Karl August von Hardenberg, der preußische Staatskanzler – zerschlagen sich. Am 27.Mai 1793 schreibt er sich in Wittenberg ein und hat am 14.Juni 1794 sein Examen in “erster Censur” und ist Jurist.

“Wahre Mitteilung findet nur unter Gleichgesinnten, Gleichdenkenden statt.”
- Novalis

Novalis an den Vater in Weißenfels (Mai 1794):
“Was meinen Fleiß belangt, so hab ich nun keine Treiber mehr nöthig. Ich hoffe diesen Sommer mehr zu lernen, als ich je habe – Die Arbeit schmeckt mir und was Französisch betrift, so kann ich positiv genug auf Michailis. Staatsrecht, Statistik, Völkerrecht und Referiren füllen außerdem meine Stunden völlig. Mich treibt eine Sehnsucht nach einer Anstellung, wo ich bald von Deinem Beutel unabhängig bin.”

Christiane Wilhelmine Sophie von Kühn
(* 17. März 1782, † 19. März 1797)

Sophie

Er kehrt in sein elterliches Zuhause in Weißenfels zurück. Am 17. November 1794 begegnet er auf einer Dienstreise zum ersten mal Sophie von Kühn, der Stieftochter des Hauptmanns Johann Rudolf von Rockenthien und Tochter der Sophie Wilhelmine von Kühn, in Grüningen bei Tennstedt. Erregt schreibt er seinem Bruder Erasmus einen Brief, indem er ihm mitteilt das “eine Viertelstunde” über sein Leben entschieden habe. “Fritz der Flatterer”, wie Novalis wegen seiner vielen Affären genannt wurde, war seiner großen Liebe, der Flamme seines Lebens begegnet. Der 22-jährige Novalis schreibt über die 12-jährige Sophie von Kühn:

“She does not want to be troubled by my love. My love presses her often. She is cold throughout.”

Und weiter:

“She is interested in Schlegel. She does not like too much attention, yet dislikes neglect. She has fear of spiders and mice. She wants me always joyous. I shall not see the wound. She allows not to say you to her. She likes to drink wine. She reflects more about others than about herself.”

Novalis an Friedrich Schlegel in Dresden (Brief vom 1. August 1794):
“Ich habe in Wittenberg fast total meine Lieblingsbeschäftigungen verlassen. Studium chursächsischer Gesetze nahm alle meine Zeit weg. Mit den Besten war ich bekannt, und da sie etwas aus mir machten, so lebt ich gern und frei dort. Jeder Tag hatte seinen Plan, seine Hoffnung – Wünsche quälten mich nicht sehr, ich wies alle auf die Zeit hin nach überstandenem Examen. Zerstreuung hatt ich genug – Mit der ersten Censur war ich um einen guten Schritt weiter. Der Pedantismus der Schule war nun überstanden, und ich war mit dem zweiundzwanzigsten Jahre frei, munter und muthig. Jetzt hat mein ganzer Charakter einen politisch philosophischen Schwung erhalten, und zwar sehr unmerklich.”

Nicht zuletzt um in der Nähe seiner Geliebten zu bleiben, tritt Novalis in den Sächsischen Staatsdienst ein; er wird Akzessist der Salinendirektion in Tennstedt, um bei dem dortigen Amtmann Colestrin August Just Methode und Praxis der behördlichen Arbeit zu lernen. Nur wenige Monate später beginnt er 1795 die Fichtestudien. Fichtes Philosophie vom Selbstbewußtsein des Ich begeistert die studentische Jugend nach der Französischen Revolution. Novalis setzt diese Lehre in eine produktive, weltschöpferische Kraft um. Bereits am 17.März desselben Jahres, ihrem dreizehnten Geburtstag, nur vier Monate nachdem er Sophie von Kühn zum ersten mal sah, verloben sie sich inoffiziell ohne das Wissen der Eltern. Trotz aller Liebe bleibt Sophie für Novalis immer etwas Rätselhaft. Um Klarheit zu gewinnen, probiert es Novalis 1796 sogar mit einer schriftlichen Liste ihrer Charakterzüge und Verhaltensweisen. Doch was dabei herauskommt, ist ein Dokument völliger Verwirrung, ein Puzzle, wo rein gar nichts zusammen geht. Sophie ist alles – und gleich auch noch das Gegenteil davon: Sie fürchtet sich vor Mäusen, Spinnen und Gespenstern – und kämpft mit einem Dieb. Sie riskiert eine kesse Lippe – aber wenn einer Zoten reißt, wird sie sauer. Sie lässt sich von Novalis noch immer nicht duzen – und will ihn doch stets vergnügt. Vor allem aber – und Novalis hat es sich als einziges unterstrichen – vor allem aber: “Sie will nichts seyn – sie ist etwas.” Das hat auch Goethe gespürt, als er Sophie von Kühn in Jena kennen lernte. Und was an Mumm in ihr steckte.

“Frauen: ein liebliches Geheimnis: nur verhüllt, nicht verschlossen.”
- Novalis

Es ist Ende Mai wo er Friedrich Hölderlin und Johann Gottlieb Fichte persönlich in Jena begegnet. Sophie erkrankt Ende des Jahres 1795 schwer, ein bösartiges Lebergeschwür muss operativ entfernt werden, erholt sich aber scheinbar wieder. Nach drei schweren Operationen (damals noch ohne Narkose) zwischen Mai und Juli 1796 verstirbt sie jedoch am 19. März 1797, zwei Tage nach ihrem 15. Geburtstag. Die Todesanzeige ihrer Familie zu Sophies Ableben erscheint in der Leipziger Zeitung am Samstag, dem 25.März 1797. Zudem stirbt sein Bruder Erasmus der über ihn sagte: “außerordentliche Menschen müssen außerordentliche Schicksale haben…”, am 24.April 1797.

Besonders Sophies Tod verstärkt seine Neigung zur Mystik, der Verlust der jungen Verlobten bestimmt fortan seine Dichtung. Sophies Tod trifft Novalis sehr hart. Er trägt sich mit dem Gedanken, ihr nachzusterben, beschwört unablässig ihr Andenken. Friederike von Mandelsloh, Halbschwester von Sophie, schreibt 1846 über Novalis:

“Nach Sophies Tod hielt er sich, oft tagelang in ihrem Zimmer verschlossen, und lebte nur in seinem Schmerze.”

Alle sind besorgt, wie er diese lange Einsamkeit durchlebt und dies führt eines Tages die Schwester von Sophie, Caroline von Kühn zu Novalis. Als sie das Zimmer betritt ist sie starr vor Entsetzen, da sie die Verstorbene so wie in der Stunde ihres Todes, auf ihrem Bette liegen sieht. Die Erklärung war, daß Novalis das lange, graue Kleid in dem sie gestorben war auf dem Bette ausgebreitet, die Haube, die sie getragen, darüber gelegt und ein Taschenbuch in dem sie zuletzt gelesen dazu aufgeschlagen hatte, um sich den Anblick ihrer lesenden Gestalt zurückzurufen und festzuhalten. Beschäftigung mit der Wissenschaft dient ihm als Ablenkung – Nach dem Tode seiner Verlobten Sophie von Kühn war Novalis in eine tiefe Depression geraten. Daraus hervor geht er mit der Überzeugung, daß es diese andere, unsichtbare Welt geben müsse, in die Sophie jetzt eingegangen sei, und mit dem Drang, die Spuren dieser geheimen Welt zu finden. Zu diesem Zweck erarbeitet er sich umfassende Kenntnisse in Philosophie und Naturwissenschaft – er nennt es seinen höheren Standpunkt. Der Tod der Sophie von Kühn ist oft als die Geburtsstunde des Dichters Novalis bezeichnet worden.

Einerseits aus diesem Grunde, zum anderen, um seinem Leben durch einen Ortswechsel wieder neue Impulse zu geben, zum dritten, um seine Karriere in der Salinenverwaltung voranzutreiben, beschließt er 1797 ein Studium an der Bergakademie von Freiberg im sächsischen Erzgebirge, dort schreibt er 1798 auch die “Literarische Säumereien” und Veröffentlicht die Fragmentsammlung “Blütenstaub” im ersten Heft der Zeitschrift “Athenäum”, erstmalig unter dem Pseudonym Novalis – “welcher ein alter Geschlechtsname von mir ist und nicht ganz unpassend” (der Neuland Bestellende). Friedrich von Hardenbergs gebürtiger Name wird schon zu Lebzeiten gänzlich verdrängt: Seine Freunde kennen ihn nur als Dichter. 

“Jeder geliebte Gegenstand ist der Mittelpunkt eines Paradieses.”
- Novalis, Fragmente 1798

Zu Novalis’ Zeiten befand sich der Freiberger Bergbau bereits im Niedergang, die Ausbeute der Silbergruben war immer mehr zurückgegangen. Diese Entwicklung suchte der Kurfürst 1765 durch die Gründung der Bergakademie aufzuhalten. Hier sollten Fachleute ausgebildet werden, die dem Bergbau wieder zu neuer Blüte verhelfen sollten. Und tatsächlich konnte der Ertrag der Gruben durch Technisierung und Modernisierung wieder gesteigert werden. Bedeutende Gelehrte kamen nach Freiberg, so Christlieb Ehregott Gellert, Johann Friedrich Wilhelm von Charpentier, und Wilhelm August Lampardius. Zu Weltruhm gelangte die Akademie aber erst durch die Lehr- und Forschungstätigkeit Abraham Gottlob Werners (1749-1817), dem Vater der modernen Mineralogie. Werners große Leistung ist es, in seinem Werk “Von den äußerlichen Kennzeichen der Foßilien” (1774) erstmals ein wissenschaftliches System für die Bestimmung und Klassifizierung von Mineralien aufzustellen. Freiberg wird in mancherlei Hinsicht bedeutsam für Novalis, zum einen lernt er, nach seiner Rückkehr von einem vierwöchigen Kuraufenthalt in Böhmen (es wurde Tuberkulose diagnostiziert), Julie von Charpentier, die Tochter von Johann Friedrich Wilhelm von Charpentier, kennen, mit der er sich im Dezember 1798 verlobt, zum anderen macht er Werners Bekanntschaft. Werner hat sich später sehr wohlwollend über Hardenberg geäußert, und Novalis ist sich zeitlebens darüber im Klaren gewesen, wieviel er Werner verdankte – nämlich nicht nur theoretische und praktische Kenntnisse, sondern auch Reife und Erfahrung. In Freiberg entstehen auch die “Teplitzer Fragmente”. Die Hoffnung, eine Familie zu gründen und auch ernähren zu können, spielt ab diesem Zeitpunkt für Novalis’ Überlegungen und Plänen eine wichtige Rolle. Nebenbei begegnet er auf seinen vielen Reisen im Dezember Jean Paul in Leipzig.

1799 hält sich Novalis als Student der Bergakademie Freiberg oft 150 Meter unter der Erde auf, in dunklen schmalen Schachtanlagen. Kein Sonnenstrahl verirrt sich hier in diesen tiefen Gängen, seit Jahrhunderten von Bergmännern geschlagen.

“Jetzt leb ich ganz der Technik, viel unter der Erde, und über der Erde bin ich mit vielen mühsamen Studien geplagt”.

- Hinwendung zur Praxis, ein Gebot für den zukünftigen kursächsischen Salinenbeamten.

Im Juli 1799 macht er die Bekanntschaft mit Ludwig Tieck (Der gestiefelte Kater) und es entsteht ein “enthusiastischer Freundschaftsbund”. Beide besuchen Herder und Goethe am 21.Juli 1799 in Weimar.

Der geschichtsphilosophische Aufsatz “Die Christenheit oder Europa” entsteht, die der junge Künstler im November 1799 in der Frühromantiker-Kommune der Gebrüder Schlegel zu Jena vortrug. Es endet die Freiberger Studienzeit und er tritt sein Amt als Salinenassessor in Weißenfels am 7.Dezember 1799 an. Um diese Zeit begann Werner mit der Kartierung der Braunkohlevorkommen in Mitteldeutschland. Dieses Projekt hatte u. a. den Zweck, die Arbeit der Salinen und des Bergbaus ökonomischer zu machen, da Holz als Brennstoff immer knapper und damit teurer wurde. Novalis – inzwischen zum Salinenassessor ernannt – hatte die Aufgabe, die der Salinendirektion bekannten Kohlelagerstätten zu inspizieren. Hardenberg untersucht das Gebiet von Unstrut, Saale, Elster und Pleiße. Am 28. April 1800, in einem Brief an Werner, resümiert er seine Ergebnisse in einem abschließenden Bericht.

Auf Tiecks Anregung hin begann Novalis im Herbst 1799 mit seinem Roman “Heinrich von Ofterdingen” nach einer alten Sage und schenkte mit diesem unvollendet gebliebenen Werk der romantischen Dichtung ihr Symbol, die “Blaue Blume”. Die Blaue Blume ist ein zentrales Symbol der Romantik. Novalis verwendete dieses Symbol in seinem fragmentarischen Roman “Heinrich von Ofterdingen”, in dem ein mittelalterlicher Jüngling durch die Welt zieht, um das Paradies seiner Träume zu finden. Er erreicht eine Zauberlandschaft, in deren Zentrum die blaue Blume steht, eine Mischung aus Pflanze, Mensch und gutem Geist. Das Symbol steht für die unendliche Sehnsucht und Liebe und das Streben nach dem Unendlichen.

“Die Poesie heilt die Wunden, die der Verstand schlägt.”
- Novalis

Eigentlich war im Jahr 1800 die Hochzeit mit Julie geplant, die aber verschoben wird, da in Novalis bereits die tödliche Krankheit wütet. Sein Körper steht kurz vor dem Zusammenbruch und gibt sein äußerstes an Kraft her, denn auch als Philosoph und Dichter vollbringt Novalis in diesen Monaten Bedeutendes. In der ersten Jahreshälfte finden die “Hymnen an die Nacht” ihren Abschluß, ebenso wie der erste Teil von “Heinrich von Ofterdingen” im April 1800. Von dem geplanten zweiten Teil jedoch kann er kaum mehr als ein paar Entwürfe fertigstellen.

Friedrich von Hardenberg hat Zeit seines Lebens gegen seine schwächliche Konstitution anzukämpfen gehabt. Im Herbst 1800 aber wird er ernstlich krank, die Nachricht vom Selbstmord seines Bruders Bernhard verursacht einen Blutsturz, von dem er sich letztendlich nicht mehr erholen sollte.

Die Hoffnung auf Besserung hatte er noch nicht aufgegeben, so unterschrieb er am 20. Dezember eine Erklärung, dass er sich als Amtshauptmann in Thüringen niederlassen möchte. Anfang Januar schreibt er seinem Freund Ludwig Tieck von seiner Krankheit. Novalis wird von seinem Bruder Karl und seiner Verlobten Julie von Charpentier in Dresden gepflegt. Der Vater besuchte ihn mehrmals und hatte Angst, einen dritten Sohn zu verlieren. Er holt seinen ältesten Sohn am 24.1.1801 nach Weißenfels, Julie von Charpentier begleitet die beiden. Im Februar macht Novalis noch Pläne zu einer Fortsetzung des “Heinrich von Ofterdingen”. Er träumt davon, noch herrliche Gedichte und Lieder zu schreiben. Aber er ist so krank, dass es dazu nicht mehr kommen konnte. Nur einen Monate später, zunächst war Friedrich Schlegel am 23.3. nach Weißenfels gereist, stirbt Novalis 28-jährig am 25.3.1801 im Beisein seines Vaters, Schlegels und seines Bruders Carls an Schwindsucht. Die Beisetzung fand auf dem alten Nikolaifriedhof, dem heutigen Stadtgarten von Weißenfels statt. Der Vater Heinrich Ulrich Erasmus Hardenberg stirbt 1814 und seine Mutter Auguste Bernadine von Hardenberg, geb. von Bölzing stirbt 1818.

Bereits ein Jahr nach seinem Tod, im Jahre 1802, erschien das abgeschlossene Gesamtwerk, herausgegeben von seinen Freunden Schlegel und Tieck. Damit lag erstmals ein vollständiges und überschaubares Werk eines Dichters vor, der das leidenschaftliche Lebensgefühl der Romantik in seiner reinsten Form verkörperte.

In der von den Salinenbeamten Senf und Heun aufgesetzten amtlichen Mitteilung seines Todes heißt es:

“Wie wir es vor unsere unterthänigste Pflicht halten, …dies Ableben anzuzeigen, so können wir zugleich nicht unterlassen, zu bemerken, daß Ew. Pp. [Chur Fürstliche Durchlaucht] einen treuen Diener in ihm verliehren, welcher das allgemeine Bedauern der bey den Salinen angestellten Personen über seinen Abgang mit sich nimmt.” Und Heun äußert sich zu Just: “O Sie wissen nicht, was wir an ihm verlohren haben!”
Ludwig Tieck schrieb ungefähr 10 Jahre nach Novalis´ Tod:

“Novalis war groß, schlank und von edlen Verhältnissen. Er trug sein lichtbraunes Haar in herabfallenden Locken, welches damals weniger auffiel, als es jetzt geschehen würde; sein braunes Auge war hell und glänzend, und die Farbe seines Gesichtes, besonders der geistreichen Stirn, fast durchsichtig. Hand und Fuß war etwas zu groß und ohne feinen Ausdruck. Seine Miene war stets heiter und wohlwollend… Sein Gespräch war lebhaft und laut, seine Gebärde großartig, ich habe ihn nie ermüdet gesehn; wenn wir die Unterhaltung auch tief in die Nacht hinein fortsetzten, brach er nur willkürlich ab, um zu ruhen, und las auch dann noch ehe er einschlief.”
Bei kaum einem anderen Dichter war seine Dichtung so fest mit seinem Beruf verbunden wie bei Novalis. Dichtkunst war für Novalis immer nur die eine Seite, die andere, genauso wichtige, war sein Beruf als Salinenbeamter in Weißenfels. Die Schriftstellerei ist eine Nebensache – “Sie beurteilen mich wohl billig nach der Hauptsache – dem praktischen Leben”, schrieb er noch 1798 an Rahel Just, aber immer stärker wurde in ihm die Erkenntnis, daß das wirkliche Leben nichts anderes als Poesie sei.

Man muß aus der Tiefe schöpfen, das ist Novalis’ Ansicht, die eigene Tiefe kennenlernen und tätig umsetzen – und die Poesie war ihm immer die höchste aller Beschäftigungen: Das Genie ist überhaupt poetisch. Wo das Genie gewirkt hat – hat es poetisch gewirkt.

Sein Beruf war für Novalis nichts weniger als angewandte Poesie. In die Tiefe gehen war das Losungswort; Novalis hat in jeder Wissenschaft, mit der er sich beschäftigte, die Tiefe gesucht, die geheime Welt, die verschüttet unter Methodik und Spezialisierung lag. Doch im Bergbau war der Gang in die Tiefe nicht nur Metapher, nicht nur Symbol, sondern real – ein Symbol des Symbols. Für Novalis ist der Berg der Ort, wo alle Geheimnisse offen liegen. Die andere Welt ist hier unmittelbarer als anderswo zu spüren. Und wie der Berg zum Hort des Geheimnisses wird, wie er symbolisch für dieses stehen kann, so wird folgerichtig jeder, der sich auf die Suche nach diesem Geheimnis macht, zum wahren Bergmann.

Hermann Hesse gesteht seinem Sohn 1945 in einem Brief, daß Novalis eine der großen Lieben seiner Jugend gewesen sei. Und von dieser Begeisterung über die Werke Novalis´ zeugt auch eine Aussage aus dem Jahre 1929:

“Wo man (es) aufschlägt, blitzt es und zuckt hochgespannter Strom.”

Dem habe ich nichts hinzuzufügen ;)

(Thorsteiin Spicker)

Quellen:

Freund, Winfried
Novalis
2001 München
 
Kurzke, Hermann
Novalis
2. Auflage 2001 München
 
Seidel, Margot
Novalis
Eine Biographie
1988 München
 
Wanning, Berbeli
Novalis zur Einführung
1996 Hamburg
 

Links:

Kommentierte Linksammlung, FU Berlin
Bilder und Biographie: Portrait Novalis und Links 
Novalis bei Wikipedia
Einige Texte bei Gutenberg
Aquarium
Der Tod Sophie´s von Kühn im Spiegel von Novalis Leben und den ,,Hymnen an die Nacht”


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