Pippi findet einen Spunk
Dies ist natürlich meine Lieblingsgeschichte von Astrid Lindgren über Pippi Langstrumpf, so habe ich sie euch eigenhändig gerne abgetippt.

Spunk – das beste Wort überhaupt
Eines Morgens kamen Thomas und Annika wie gewöhnlich in Pippis Küche gerannt und riefen: “Guten Morgen!”. Aber sie bekamen keine Antwort. Pippi saß mitten auf dem Küchentisch mit Herrn Nilsson, dem kleinen Affen, im Arm und einem glücklichen Lächeln auf den Lippen. “Guten Morgen”, sagten Thomas und Annika noch einmal.
“Stellt euch vor”, sagte Pippi veträumt, “stellt euch bloß mal vor, das ich es gefunden habe” Gerade ich und niemand anders!” “Was hast du gefunden?”, fragten Thomas und Annika. Sie wunderten sich nicht im Geringsten darüber, dass Pippi etwas gefunden hatte, denn sie fand immer etwas. Aber sie wollten wissen, was es war.
“Was hast du eigentlich gefunden, Pippi?”
“Ein neues Wort”, sagte Pippi und sie schaute Thomas und Annika glücklich an. “Ein funkelnagelneues Wort!”
“Was für ein Wort?”, fragte Thomas.
“Ein wunderschönes Wort” sagte Pippi. “Eins der besten, die ich je gehört habe.”
“Dann sag es doch, sagte Annika.
“Spunk!”, sagte Pippi triumphierend.
“Spunk?”, fragte Thomas. “Was bedeutet das?”
“Wenn ich das bloß wüsste”, sagte Pippi. “Das Einzige, was ich weiß, ist, dass es nicht Staubsauger bedeutet.”.
Thomas und Annika überlegten eine Weile. Schliesslich sagte Annika:
“Aber wenn du nicht weißt, was es bedeutet, dann nützt es ja nichts!”.
“Nein, das ist es ja, was mich ärgert”, sagte Pippi.
“Wer hat eigentlich zuerst rausgefunden, was die Wörter alle bedeuten sollen?”, fragte Thomas.
“Vermutlich ein Haufen alter Professoren”, sagte Pippi. “Und man kann wirklich sagen, das die Leute komisch sind. Was für Wörter die sich ausgedacht haben! Wanne und Holzpflock und Schnur und all so was – kein Mensch kann begreifen, wo sie das herhaben. Aber Spunk, was wirklich ein schönes Wort ist, darauf kommen sie nicht. Was für ein Glück, dass ich es gefunden habe! Und ich werde schon noch rauskriegen, was es bedeutet.”
Sie dachte eine Weile nach. “Spunk! Ob es vielleicht die oberste Spitze von einer blau angestrichenen Fahnenstange sein kann?”, sagte sie zögernd.
“Es gibt doch keine Fahnenstangen, die blau gestrichen sind”, meinte Annika.
“Nein, da hast du Recht. Ja, dann weiß ich wirklich nicht. Ob es vielleicht das Geräusch sein kann, das entsteht, wenn man im Matsch watet und der Matsch quillt einem zwischen den Zehen hoch? Wir wollen mal hören, wie das klingt: Annika watete im Matsch herum und da hörte man den allerherrlichsten Spunk.”
Sie schüttelte den Kopf. “Nein, das geht nicht. Da hörte man das allerherrlichste Tjipp, müsste es besser heissen.” Sie rauften sich die Haare. “Das wird immer geheimnisvoller. Aber was es auch sein mag, herauskriegen werde ich es. Vielleicht kann man es im Geschäft kaufen? Kommt, wir wollen hingehen und fragen.” Thomas und Annika hatten nichts dagegen. Pippi ging an ihren Koffer, der voller Goldstücke war.
“Spunk”, sagte sie. “Das klingt so,als ob es teuer wäre. Es ist wohl am besten, wenn ich ein Goldstück mitnehme.” Und das tat sie. Herr Nilsson sprang wie gewöhnlich auf ihre Schulter. Und dann hob Pippi das Pferd von der Veranda.
“Es ist eilig”, sagte sie zu Thomas und Annika. “Wir reiten. Denn sonst ist vielleicht kein Spunk mehr übrig, wenn wir kommen. Es sollte mich nicht wundern, wenn der Bürgermeister das letzte Stück gekauft hätte.”
Als das Pferd durch die Straßen der kleinen Stadt mit Pippi und Thomas und Annika auf dem Rücken galoppierte, klapperten die Hufe so laut auf den Pflastersteinen, dass alle Kinder es hörten, und sie kamen fröhlich angelaufen, denn sie hatten Pippi furchtbar gern.
“Pippi, wo willst du hin?”, riefen sie.
“Ich will Spunk kaufen”, sagte Pippi und hielt das Pferd an. Die Kinder blieben stehen und sahen ganz verwirrt aus.
“Ist das was gutes zu essen?”, fragte ein kleiner Junge.
“Und ob!”, sagte Pippi und leckte sich die Lippen.
“Es ist herrlich”. Wenigstens hört es sich so an.”
Spunk – die Krankheit
Vor einer Konditorei sprang sie vom Pferd und hob Thomas und Annika herunter. Dann gingen sie hinein.
“Ich möchte gern eine Tüte Spunk kaufen”, sagte Pippi.
“Aber es soll knusprig sein.”
“Spunk”, sagte das nette Fräulein hinter dem Ladentisch nachdenklich.
“Ich glaube nicht, dass wir es haben.”
“Doch, das müssen Sie haben”, sagte Pippi.
“Das muss es in allen guten Geschäften geben.”
“Ja, aber es ist ausverkauft”, sagte das Fräulein,
das noch nie etwas von Spunk gehört hatte, aber nicht zugeben wollte, dass ihr Geschäft nicht eine ebenso gute Auswahl hatte wie die anderen.
“oh, haben Sie es gestern gehabt?”, rief Pippi eifrig.
“Liebes Fräulein, sagen Sie mir, wie es ausgesehen hat. Ich habe noch nie in meinem Leben Spunk gesehen. Ist es rot gestreift?” Das nette Fräulein wurde ganz rot und dann sagte sie: “Ach, ich weiß nicht,
was das ist! Wir haben es jedenfalls nicht.”
Pippi ging sehr enttäuscht hinaus. “Dann muss ich weitersuchen”,
sagte sie. “Ohne Spunk geh ich nicht nach Hause.” Das nächste Geschäft war ein Eisenwarengeschäft. Ein Verkäufer verbeugte sich höflich vor den Kindern.
“Ich möchte gerne einen Spunk haben”, sagte Pippi. “Aber es soll die beste Qualität sein, einer mit dem man Löwen totschlagen kann.”
Der Verkäufer machte ein verschmilztes Gesicht. “Wollen mal sehen, wollen mal sehen”, sagte er und kratzte sich hinterm Ohr. Er nahm eine kleine eiserne Harke und gab sie Pippi. “Ist die richtig?”, fragte er.
Pippi sah ihn ärgerlich an. “Das ist das, was die Professoren eine Harke nennen”, sagte sie. “Aber ich will nun mal zufällig einen Spunk haben. Versuch nicht, ein kleines, unschuldiges Kind reinzulegen.”
Da lachte der Verkäufer und sagte: “So etwas haben wir hier leider nicht. Frag in einem Kurzwarengeschäft an der Ecke nach.”
“Kurzwarengeschäft”, brummte Pippi, als sie und Thomas und Annika auf die Strasse kamen. “Da gibt es das nicht, so viel weiß ich.” Sie sah eine Weile ganz traurig aus, aber dann hellte sich ihr Gesicht wieder auf. “Vielleicht ist Spunk eine Krankheit”, sagte sie. “Wir wollen den Doktor fragen.”
Annika wusste, wo der Doktor wohnte, denn sie war dort gewesen, als sie geimpft worden war. Pippi läutete an der Tür. Eine Krankenschwester öffnete. “Ist der Herr Doktor da?”, fragte Pippi.
“Es ist ein sehr ernster Fall, eine kolossal schwere Krankheit.”
“Bitte sehr, durch diese Tür hier”, sagte die
Krankenschwester. Der Doktor saß an seinem Schreibtisch, als die Kinder hereinkamen. Pippi ging direkt zu ihm hin, machte die Augen zu und streckte die Zunge heraus.
“Was fehlt dir denn?”, fragte der Doktor.
Pippi schlug ihre klaren blauen Augen wieder auf und nahm die Zunge wieder in den Mund. “Ich fürchte, dass ich Spunk habe”, sagte sie.
“Denn es juckt mich am ganzen Körper. Und die Augen fallen mir vollständig zu, wenn ich schlafe. Manchmal habe ich Schluckauf. Und Sonntags ging es mir gar nicht gut, nachdem ich einen Teller Schuhkrem mit Milch gegessen hatte. Ich habe einen sehr guten Appetit, aber ich krieg das Essen so oft in die falsche Kehle, und da nutzt es einem nicht viel. Ich muss wohl Spunk bekommen haben. Sag mir nur eins: Ist es ansteckend?”
Der Doktor schaute in Pippis gesundes kleines Gesicht und dann sagte er: “Ich glaube, es geht dir besser als den meisten Leuten. Ich bin sicher, dass du nicht an Spunk leidest.”
Pippi fasste ihn voller Eifer am Arm. “Aber es gibt jedenfalls eine Krankheit, die so heißt, ja?”
“Nein”, sagte der Doktor, “die gibt es nicht. Aber wenn es sie gäbe, so glaube ich nicht, dass sie dich ergreifen würde.”
Pippi sah düster aus. Sie machte einen tiefen Knicks vor dem Doktor, und das tat Annika auch. Thomas verbeugte sich. Und sie gingen hinaus zum Pferd, das am Zaun vor dem Haus wartete.
Spunk – der Käfer
Nicht weit entfernt stand ein hohes, dreistöckiges Haus. Ein Fenster im obersten Stockwerk war offen. Pippi zeigte hinaus und sagte: “Es sollte mich nicht wundern, wenn der Spunk da oben ist. Ich klettere rauf und seh nach.”
Rasch kletterte sie am Regenrohr hoch. Als sie in gleicher Höhe mit dem Fenster war, warf sie sich, ohne nachzudenken, in die Luft und ergriff das Fensterblech. Sie zog sich an den Armen hoch und steckte den Kopf durch das offene Fenster. Im Zimmer saßen zwei Damen am Fenster und unterhielten sich. Kein Wunder, dass sie erstaunt waren, als plötzlich ein roter Kopf über dem Fensterbrett auftauchte und eine Stimme sagte: “Ich möcht gern wissen, ob ein Spunk hier drinnen ist.”
Die beiden Damen fingen vor Schreck an zu schreien. “Gott bewahre, was sagst du Kind? Ist es einer, der ausgebrochen ist?”
“Das ist es ja gerade, was ich wissen möchte”, sagte Pippi höflich.
“Oh, vielleicht ist er unterm Bett!”, schrie eine der Damen. “Beißt er?”
“Ich glaube es beinah”, sagte Pippi. “Es klingt, als ob er prächtige Hauzähne hätte.”
Die beiden Damen klammerten sich aneinander fest. Pippi schaute sich interessiert um, aber schließlich sagte sie wehmütig: “Nein, hier ist nicht mal so viel wie ein Schnurrbarthaar von einem Spunk. Entschuldigen Sie bitte die Störung! Ich wollte bloss mal nachfragen, weil ich zufällig vorbeiging.”
Sie ließ sich wieder am Regenrohr hinunter. “Traurig”, sagte sie zu Thomas und Annika. “Es gibt keinen Spunk in dieser Stadt. Wir reiten wieder nach Hause.”
Und das taten sie.
Als sie vor der Veranda vom Pferd sprangen, fehlte nicht viel, und Thomas hätte auf einen kleinen Käfer getreten, der auf dem Sandweg entlangkroch. “Oh, Vorsicht, ein Käfer!”, rief Pippi. Sie hockten sich alle drei so hin, um ihn zu betrachten. Er war so klein. Die Flügel waren grün und glänzten wie Metall.
“So ein hübscher Käfer”, sagte Annika. “Ich möchte wissen, was
es für einer ist.”
“Ein Maikäfer ist es nicht”, sagte Thomas.
“Ein Mistkäfer ist es auch nicht”, sagte Annika. “Und auch kein Hirschkäfer. Was das wohl für einer ist?” Über Pippis Gesicht breitete
sich ein seliges Lächeln.
“Ich weiß”, sagte sie. “Es ist ein Spunk.”
“Bist du ganz sicher?”, fragte Thomas.
“Glaubst du etwa nicht, das ich einen Spunk erkenne, wenn ich einen vormir hab?”, sagte Pippi.
“Hast du jemals in deinem Leben etwas so Spunkartiges gesehen?”
Sie brachte den Käfer vorsichtig an eine sichere Stelle, wo niemand auf ihn treten konnte.
“Mein kleiner, lieber Spunk”, sagte sie zärtlich. “Ich wusste ja, das ich schließlich doch einen finden würde. Aber komisch ist es schon. Wir sind in der ganzen Stadt herumgejagt, um einen Spunk zu finden, und dann ist er die ganze Zeit direkt vor der Villa Kunterbunt gewesen.”
Quelle: Astrid Lindgren – Pippi in Taka-Tuka-Land, Drittes Kapitel: Pippi findet einen Spunk
