Rilke – Siehe, ich wusste es sind solche

Siehe, ich wusste es sind solche
Siehe, ich wusste es sind
solche, die nie den gemeinsamen Gang
lernten zwischen den Menschen;
sondern der Aufgang in plötzlich
entatmete Himmel
war ihr Erstes. Der Flug
durch der Liebe Jahrtausende
ihr Nächstes, Unendliches.
Eh sie noch lächelten
weinten sie schon vor Freude;
eh sie noch weinten
war die Freude schon ewig.
Frage mich nicht
wie lange sie fühlten; wie lange
sah man sie noch? Denn unsichtbare sind
unsägliche Himmel
über der inneren Landschaft.
Eines ist Schicksal. Da werden die Menschen
sichtbarer. Stehn wie Türme. Verfalln.
Aber die Liebenden gehn
über der eignen Zerstörung
ewig hervor; denn aus dem Ewigen
ist kein Ausweg. Wer widerruft
Jubel?
Rainer Maria Rilke, 23.9.1914, Irschenhausen
Wege mit Rilke, Lou Albert-Lasard. Frankfurt/Main 1952.

Rainer Maria Rilke
(1875 – 1926)
der Autor:
geb am 4.12.1875 in Prag als Sohn eines Militärbeamten, 1886 bis 1891 Besuch der Militärschule St. Pölten, danach Militär-Oberrealschule in Mährisch-Weißkirchen, Studium der Kunst- u. Literaturgeschichte in Prag, München u. Berlin, 1899/1900 Rußlandreise mit Lou Andreas-Salomé, Begegnung mit Tolstoi, 1900 lässt er sich in der Malerkolonie Worpswede nieder u. heiratet die Bildhauerin Clara Westhoff, von der er sich 1902 trennt, 1905 wird er für 8 Monate der Privatsekretär von Rodin in Paris, Reisen nach Nordafrika, Ägypten, Spanien, 1911/12 lebt er auf Schloß Duino an der Adria bei der Fürstin Marie v. Thurn und Taxis, im 1. Weltkrieg in München, aus Gesundheitsgründen wird er aus dem österreichischen Landsturm entlassen, nach Kriegsende 1920 in Berg am Irschel (Schweiz), ab 1921 auf Schloß Muzot im Kanton Wallis, das ihm sein Mäzen Werner Reinhart zur Verfügung stellt, er stirbt am 29.12.1926 im Sanatorium Val-Mont bei Montreux an Leukämie.
