Rose Ausländer
Rose Ausländer – eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts, wurde am 11.Mai 1901 als Kind einer jüdischen Familie in Czernowitz/Bukowina (damals Österreich-Ungarn, heute Ukraine) als Rosalie Beatrice “Ruth” Scherzer geboren. 1916 bis 1918 lebte sie kriegsbedingt in Wien wo sie eine Handelsschule mit kaufmännischer Berufsausbildung besuchte und begann 1919 ein Studium der Literatur und Philosophie an der Universität in Czernowitz, brach es aber ein Jahr später wieder ab. 1920 starb ihr Vater und sie wanderte mit Ignaz Ausländer, einem Studien-Kollegen, nach Minneapolis, USA aus um für ihre Familie den Lebenunterhalt zu verdienen. Sie arbeitet als Bankangestellte, Journalistin und Hilfsredakteurin bei der Zeitschrift Westlicher Herold und als Redakteurin der Kalenderanthologie America Herold.
Am 19.Oktober 1923 heiratet sie Ignaz Ausländer und der von ihr regidierte America-Herold-Kalender veröffentlicht ihre ersten Gedichte. 1926 erhält sie die amerikanische Staatsbürgerschaft und wird Gründungsmitglied des Constantin-Brunner-Kreises in New York. 1928 fährt sie nach Europa, um ihre erkrankte Mutter zu pflegen. 1930 wird ihre Ehe geschieden und sie kehrt kurz darauf nach Czernowitz zurück um sich um ihre Mutter zu kümmern. Hier lebt sie in den Folgejahren mit dem Graphologen Helios Hecht zusammen. Bis 1936 entstehen Gedichtpublikationen in Zeitungen, Zeitschriften, Anthologien, sie gibt Englisch-Unterricht, übersetzt und arbeitet journalistisch. 1937 wird ihr wegen dreijähriger Abwesenheit aus den Vereinigten Staaten die Amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt. Mit “Der Regenbogen” erscheint 1939 ihre erste Buchpublikation. Dieser Gedichtband wurde stürmisch gefeiert, doch dessen Restauflage musste auf Befehl der Nationalsozialisten eingestampft werden. 1941 wurde Ausländer gemeinsam mit ihrer Mutter und dem Bruder ins Ghetto deportiert. Hier lebte sie bis 1944 unter deutscher Besatzung, zwischen Zwangsarbeit, Todesnot und Kellerverstecken um einer drohenden Deportation zu entgehen. Im Ghetto lernte sie dann auch Paul Celan (der eigentlich Paul Antschel heisst) kennen. Ihr erlebtes und ihr zusammentreffen mit Paul Celan war sehr wichtig für ihre Lyrische Entwicklung. Ihr bisheriger, eher von Hölderlin und Trakl geprägte Stil, veränderte sich nun radikal in eine schnörkellose, musikalisch-rhythmische Klarheit. Um die Zeit im Ghetto erträglich zu machen wurde ihr schreiben zur Therapie („Schreiben war Leben. Überleben” ). Im Frühjahr 1944 besetzen russische Truppen Czernowitz/Bukowina und befreien die jüdische Bevölkerung. Damit man einigermassen das Unglück ermessen kann was über Bukowina kam und womit die Menschen die noch dort lebten klarkommen mussten: Für 50.000 Menschen kamen die russischen Truppen zu spät… Nach dem Krieg, verlässt Rose Ausländer ihre Heimatstadt und ihren Job in der Stadtbibliothek von Czernowitz und emigriert über Marseille, zurück in die USA, diesmal nach New York, wo sie 1948 erneut die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält. In den Folgejahren (bis 1956) schreibt sie ausschliesslich in englischer Sprache.
Bei einer Auslandsreise 1957 trifft sie Paul Celan in Paris wieder und ihre tiefe Freundschaft entwickelt sich weiter. Sie verdient bis 1961 ihre Brötchen als Fremdsprachenkorrespondentin bei der Spedition Freedman & Slater in New York. Diese Tätigkeit muss sie leider Krankheitsbedingt aufgeben. 1963 besucht sie Ihren Bruder und seine Familie in einem Flüchtlingslager in Wien. Eigentlich wollte sie im folgenden Jahr endgültig nach Wien übersiedeln, doch sie fährt erstmal vier Wochen nach Israel um dann wegen ihrer antisemitistischen Erfahrungen lieber 1965 nach Düsseldorf zu gehen. Im selben Jahr erscheint mit “Blinder Sommer” nach “Der Regenbogen” ihr zweiter Gedichtband nach 1939 in Wien, der wie ihr Lyrikdebüt Lobeshymnen erntet. Sie bekommt nun in Deutschland eine Rente und Entschädigung als Verfolgte des Nazi-Regimes und kommt nun auch zu den ihr zustehenden Ehrungen und Preisen (unter anderem den Silbernen Heine-Taler des Verlages Hoffmann und Campe in Hamburg und den Droste-Preis der Stadt Meersburg). 1967 erscheint ihre nächste Publikation “36 Gerechte”. Sie reist nun bis 1971 sehr viel innerhalb Europas und zieht 1972 in das Nelly-Sachs-Haus, ein jüdisches Altenheim in Düsseldorf. Ihre Werke sind alle biografisch – das heißt das sie in ihren zahllosen Gedichten immer ihr eigenes Leben, die Lebensstationen, die Liebe, das Leid, die Hoffnung, Erfahrungen, Enttäuschungen sowie auch Glücksmomente beschreibt.
Nun geht es auch mit den Veröffentlichungen Schlag auf Schlag: 1974 erscheint das Buch “Ohne Visum”, 1975 “Andere Zeichen”. 1977 erscheint die Publikation Doppelspiel und in dem Jahr wo sie leider Bettlägrig wurde, 1978, erscheinen “Aschensommer”, “Mutterland” und “Es bleibt noch viel zu sagen”. Da sie ihr Zimmer nicht verlassen kann hat sie ihre Produktivste Phase und schreibt bis zu ihrem Tod mehr als 20 Gedichtbände. Im Übrigen diktiert sie zu dieser Zeit ihre Gedanken, denn wegen einer Arthitis kann sie nicht mehr selber schreiben…
Sie erhält viele Auszeichnungen und 1981 erscheint “Mein Atem heißt jetzt”, “Im Atemhaus wohnen” und “Einen Drachen reiten”. 1982 schreibt sie “Mein Venedig versinkt nicht” und “Südlich wartet ein wärmeres Land”. 1984 erhält sie das Bundesverdienstkreuz. Etwas was ich sehr bemerkenswert finde: 1987 beschließt sie, nach “Ich spiele noch” und “Der Traum hat offene Augen”, mit dem schreiben aufzuhören, da einfach alles gesagt ist. Sie stirbt am 3.Januar 1988 in Düsseldorf, wo sie auf dem (jüdischen) Nordfriedhof beigesetzt wurde und man sie noch heute besuchen kann.
In einer meiner Quellen steht das oftmals Behauptet wird Rose Ausländer habe naiv und intuitiv geschrieben. Man versucht dieses anhand mehrerer Dinge zu wiederlegen. Sagt mal… ist es nicht völlig egal? Ich muss Lyrik nicht in ihre Bestandteile zerlegen und mir erst Meinungen von anderen anhören damit ich mir sicher sein kann das mir Gedichte gefallen. Rose Ausländers Gedichte gefallen mir ausserordentlich, da ist es mir erstmal egal, warum, wieso und weswegen sie diese Gedichte schrieb und was andere darüber sagen. Ich habe diese Biografie geschrieben gerade WEIL mir die Gedichte so toll gefielen und weil Rose Ausländer oftmals in einem ähnlichen Stiel schrieb wie ich es tue. Ich mag dann wohl naiv und intuitiv geschriebene Gedichte ;) Wen störts?
Übrigens sagte mal jemand über ihre Lyrik das sie von “größter sprachlicher Knappheit geprägt” sind. Das ist noch etwas, was mir äusserst Imponiert. Mit vielen Worten wenig gesagt… haben schon sehr viele Menschen…
Nach ihrem Tode wurde natürlich von Nachlassverwalter und Herausgeber, Helmut Braun, fleissig weiterveröffentlicht:
1989 “Gedichte” (bei Fischer)
1990 “Jeder Tropfen ein Tag” (Fischer)
1993 “Regenwörter, Gedichte” (bei Reclam)
1994 “Sanduhrschrift, Gedichte” und “Schweigen auf deinen Lippen” (wieder Fischer)
1995 “Schattenwald” und “Treffpunkt der Winde” (Fischer)
2001 “Gedichte” (Fischer)
Helmut Braun ist sich sicher: “Hätte sie ein anderes Leben gelebt, also in anderen Umfeldern, mit anderen Menschen, anderen Erfahrungen, äre ein anderes Werk entstanden” So verwunderlich ist das sicher nicht, denn alle Dichter schöpfen ihre Texte aus ihrem erlebten. Dennoch ist so eine enge Verknüpfung von Leben und Werk wie bei Rose Ausländer ungewöhnlich, selten – um nicht zu sagen, fast einmalig.
Ihre Werke umfassen an die 3000 Gedichte, wovon ungefähr 2400 bis heute veröffentlicht sind. Diese hohe Zahl scheint geradezu die Folge eines triebhaften Schreibens zu sein. Rose hat selber einmal gesagt “Schreiben ist ein Trieb“, doch diese Anzahl der Gedichte relativiert sich, wenn man sich vor Augen hält das sie diese in ungefähr 70 Jahren schrieb. Ich habe mal nachgerechnet, das macht dann pro Jahr die Zahl von hochgerechnet 43 Gedichten. Natürlich hat sie mal mehr und mal weniger geschrieben, aber alles in allem lässt sich das so nachvollziehen. Und: Im Nachlass befinden sich Gedichte, die zum Teil in 25 Fassungen vorliegen. Selbst nach einer Veröffentlichung eines Gedichtes hat die Dichterin noch daran etwas verändert.
Ich habe Angst vor mir…
wo sind die Worte, die mir helfen
den Krieg gegen mich zu gewinnen…
Ich verliere mich
im Dschungel der Wörter
finde mich wieder
im Wunder
des Worts
(Thorsteiin Spicker)
